Berlin - Vor ein paar Jahren war der Viktoriapark in Kreuzberg für Gesa Neitzel ein Ort der Zuflucht. Der Wasserfall, die Bäume, Ruhe vor dem Lärm der Stadt – ein kleines Stück Wildnis mitten in Berlin, gegenüber von ihrer damaligen Wohnung am Rande des Bergmannkiezes. Fast täglich wanderte sie damals die Stufen bis zum Kreuzberg empor und ließ den Blick über die Stadt wandern, die sich für sie nach knapp zehn Jahren immer mehr wie ein Wartezimmer anfühlte. Dort konnte sie gewissermaßen über den Dingen verschnaufen, wenn der Alltag einmal mehr zu schwer war.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Autorin jenen Park als Treffpunkt wählt, um von ihrem alten Leben in Berlin und ihrem neuen Buch zu erzählen. 2015 hat die damals 28-Jährige ihren Job als Fernsehredakteurin gekündigt, um sich in Südafrika zur Rangerin ausbilden zu lassen. Ihr Abenteuerbericht „Frühstück mit Elefanten“ stand 2016/17 elf Wochen auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Neitzel traf mit ihrem Buch den wunden Punkt einer ganzen Generation, die sich von den Möglichkeiten, alles werden zu können, überfordert fühlt und sich auf der Suche nach Erfüllung häufig rastlos durch das eigene Leben bewegt.

Ausbildung zum Safari-Guide

Nach dem Abitur verkörpert Berlin für sie zunächst alles, was ihre Heimat Hildesheim nicht bietet. Sie träumt davon, Schauspiel zu studieren, doch muss sie schnell feststellen, dass es ihr nicht liegt, in die Rolle einer anderen Person zu schlüpfen. Neitzel macht ein Volontariat bei einer Fernsehproduktionsfirma, später arbeitet sie als Redakteurin für die Castingshow „The Voice of Germany“. Doch insgeheim hofft sie auf Veränderung, will sich selbst und die Welt herum spüren und begreifen. In einem Südafrikaurlaub fasst sie kurzerhand den Entschluss, die Ausbildung zum Safari-Guide zu wagen.

Was sie von Afrikas Wildnis für das Leben gelernt hat und wie jeder ein Stück davon in seinen Alltag integrieren kann, darum geht es in ihrem neuen Buch „The Wonderful Wild“. Neitzel ist nach ihrer Ausbildung dem Kontinent treu geblieben. Zusammen mit ihrem Freund Frank Steenhuisen zeigt sie Touristen auf Safari jene Natur und Wildtiere, für die sie ihr altes Leben aufgab.

Ihr zweites Werk ist jedoch keine klassische Fortsetzung des Abenteuerberichts. Es erzählt die spirituelle Reise zur Natur, die die Rangerin in Afrika erlebte. Es soll den Leser dazu motivieren, mehr auf seine innere Stimme zu hören. „Ich glaube, dass wir aktuell alle auf einer Reise zurück zur Natur sind. Wir müssen uns im Zuge des Klimawandels einmal mehr erinnern, wo wir eigentlich herkommen“, sagt Neitzel. Unterwegs in Afrika werde ihr deutlich bewusst, wie weit die Zerstörung einiger Ökosysteme bereits vorangeschritten sei. „In Sambia fragen sich die Leute derzeit zum Beispiel, wo das Wasser geblieben ist.“

Stille als wahrer Luxus

Auge in Auge mit Elefanten, Löwen und Leoparden lernte Neitzel jeden Tag aufs Neue, was wirklich zählt, und ihr wurde klar, dass Menschen im Vergleich zu Tieren die Möglichkeit haben, bewusste Entscheidungen zu treffen. „Ein Löwe kann nicht einfach damit aufhören, Fleisch zu essen. Wir dagegen schon, und diese Sichtweise lässt sich auf viele Bereiche übertragen“, sagt sie.

Am Lagerfeuer wird für sie vieles plötzlich ganz einfach und klar – echte Stille etwa sei wahrer Luxus. Das beobachtet die 32-Jährige auch immer wieder, wenn sie mit Touristen unterwegs ist. „Die ersten Tage wird am Lagerfeuer ständig gesprochen, weil jeder die Stille peinlich findet. Das ändert sich im Laufe der Zeit, und irgendwann schafft es jeder, den Moment für sich zu genießen.“

Wer zum ersten Mal einen Löwen aus nächster Nähe brüllen hört, der besinne sich auf seine Urinstinkte. „Man weiß dann sehr schnell, wer man eigentlich unter all den Klamotten und dem Make-up ist“, sagt Neitzel. Doch kann das auch in der Großstadt gelingen? Die Autorin meint ja. Natur sei überall auf der Welt zu finden – auch in Berlin. „Die Menschen sollten sich einfach öfter wieder unter einen Baum setzen und spüren, dass sie Teil der Natur sind.“

Mit der Großstadt hat Gesa Neitzel trotzdem ihren Frieden geschlossen. Nachdem sie ihr erstes Buch fertig hatte, habe sie wieder einmal am Nationaldenkmal im Viktoriapark gesessen. Plötzlich habe sich alles nicht mehr bedrückend angefühlt. Je nachdem, wie sehr sie in Projekte eingespannt ist, sei sie mittlerweile etwa die Hälfte des Jahres in Afrika unterwegs, die andere in Deutschland. Hier pendelt sie zwischen ihrer Familie in Hildesheim und ihrer Schwester und Freunden in Berlin. 2020 planen sie und ihr Partner nach Botswana auszuwandern. Dort will sich Neitzel noch mehr dem Schreiben und dem Umweltschutz widmen.