Berlin - Romeo leidet und jammert, er hat Liebeskummer. Alles wegen Julia. Und nebenan auf dem Sportplatz brüllen die Fußballer. Romeo klagt: „Die, die ich liebe, liebt mich nicht.“ Er sieht dabei ganz traurig aus. Es sind die letzten Proben für die Premiere von „Romeo und Julia“ am Sonnabend. Der Spielort für diesen Shakespeare-Klassiker ist der derzeit wohl ungewöhnlichste in der Stadt.
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Auf einem früheren Abstellplatz des Grünflächenamtes Charlottenburg-Wilmersdorf, gleich neben einem Fußballplatz, hat der Berliner Schauspieler, Regisseur und Shakespeare-Übersetzer Christian Leonard eine Open-Air-Bühne mit 300 Plätzen errichtet.

Vieles wirkt noch improvisiert, in Containern werden Kulissen, Kostüme und Technik gelagert. Doch die Bühne unter freien Himmel ist fertig, die Spielsaison kann beginnen und Christian Leonard ist zufrieden, so wie es ist.

Denn nach jahrelanger Suche und enttäuschenden Absagen hat der 56-Jährige jetzt einen festen Platz für sein Theater gefunden. Von Juni bis September spielt das Ensemble des Globe Berlin auf dieser Open-Air-Bühne. Doch das ist erst der Anfang. 

Globe Theatre soll ein Theater wie zu Shakespeares Zeiten werden

Im Herbst soll dann eine feste Spielstätte nach englischem Vorbild entstehen: Ein hölzerner Nachbau des English Globe Theatres, in dem Schauspieler in London ab 1599 die Stücke von Shakespeare als Volkstheater aufgeführt hatten. Der Rundbau, der 16 Jahre lang in der westdeutschen Kleinstadt Schwäbisch-Hall gestanden hat, liegt in 5000 Einzelteilen demontiert in einer Halle in Berlin.

In wenigen Monaten ließe sich die Holzkonstruktion wieder aufbauen. 600 Besucher haben darin Platz. Mit diesem Platz am Österreichpark, zwischen Fußballplatz und dem Spreeufer in Charlottenburg, ist Leonards am Ziel. „Fast 30 Jahre habe ich nach einem festen Ort gesucht“, sagt Leonard. „Nun sind wir hier gelandet.“

Gleich nach der Wende hatte Leonard in Berlin die Shakespeare-Company gegründet, er wurde ihr künstlerischer Leiter, übersetzte und inszenierte etliche Stücke des englischen Dramatikers, die freie Theatergruppe tourte damit durch Berlin, durch Deutschland und um die Welt. Jahrelang suchte die mobile Truppe eine feste Spielstätte, seit 2011 führt sie ihre Stücke im Natur-Park Schöneberger Südgelände auf.

Christian Leonard sucht monatelang nach einem geeigneten Platz

Vor drei Jahren gab es dann die Chance für Leonard, einen der drei Nachbauten eines English Globe Theaters zu bekommen, die es in Deutschland gibt. Für den Rundbau in Schwäbisch Hall war 2016 die Betriebserlaubnis abgelaufen, die Stadt beendete den Theaterbetrieb und überließ Leonard und seinen Berliner Unterstützern das 250 Tonnen schwere Theater, das er mit Berliner Kollegen in acht Tagen abgebaut und auf Lastwagen in Einzelteilen nach Berlin gebracht hat.

Monatelang suchte Leonard einen geeigneten Platz, um das Theater als neue Attraktion der Stadt wieder aufzubauen. Doch nicht mal im Spreepark in Plänterwald wollte man das Theater haben.

Christian Leonard: „Wir sind auf einem guten Weg“

Leonard schrieb an alle Bezirksämter. Die Kulturstadträtin von Charlottenburg-Wilmersdorf, Heike Schmitt-Schmelz (SPD) reagierte. Sie bot Leonard das Aeal am Österreichpark an, das Bezirksparlament stimmte dem Deal zu. 

Bereits 2018 sollte das Theater dort eröffnen. Doch alles dauerte viel länger als gedacht. Es gab monatelange Verhandlungen und Genehmigungsverfahren, etwa wegen Lärm-, Schall- und Brandschutz, wegen neuer Wege und dem Verkehr. Anwohner sollen nicht gestört werden, das nächste Wohnhaus ist 80 Meter entfernt. Über einen langfristigen Erbbaupachtvertrag verhandelt Leonard jetzt mit dem Bezirk. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt er. Und auch das Finanzielle ist geregelt. Die Berliner Lottostiftung sichert eine Förderung von knapp einer Million Euro zu. Von seiner Shakespeare-Company hat sich Leonard getrennt.

Berliner Globe Theater soll kein Kommerztempel werden

Ab diesem Herbst soll der Rundbau errichtet werden, ebenso ein Anbau als beheizte Winterspielstätte und für Proben.

Im Juni 2020 soll der neue Globe-Theaterbau dann eröffnen. „Das wird kein Kommerztempel, sondern ein Ort der Bildung und niveauvollen Unterhaltung“, sagt Leonard. Das neue gegründete Ensemble wird Shakespeares Werke dann ganzjährig aufführen, in deutscher und englischer Sprache. Bis zu fünf Premieren sind jedes Jahr geplant.

Neben eigenen Theaterproduktionen wird es auch Gastauftritte anderer Gruppen geben, sowie Lesungen, Poetry Slam, poetische Performances und Weltmusik. Und so wie sich vor etwa 400 Jahren die Londoner Bevölkerung im runden Volkstheater-Rundbau getroffen hat, sollen sich auch Besucher der neuen Berliner Spielstätte „anders näherkommen“, sagt Leonard. Im Rundbau sitzt das Publikum an drei Seiten und auf drei Ebenen an der Bühne. Und wenn Romeo leidet und rumjammert, wird niemand mehr die lauten Rufe der Fußballer vom Sportplatz hören.