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Für sie war es Liebe auf den ersten Blick. „Ich war fasziniert von diesem Ort und wusste, wir müssen genau dorthin“, sagt Eva-Maria Brück-Neufeld. Erst vor wenigen Wochen hat die Kulturmanagerin, die vor zehn Jahren aus Hessen nach Berlin kam, den Spreepark zum ersten Mal gesehen. Die 35-Jährige und ihr Verein White Elephant Collectiv, der vorrangig Brachen mit Ausstellungen und Kunstprojekten bespielt, waren auf der Suche nach einem Ort für ein Theaterstück. „Spuk unterm Riesenrad“, eine Adaption des erfolgreichen DDR-Films aus den 70er-Jahren, wollen sie auf die Bühne bringen.

Im Spreepark wurden sie fündig: „Die Atmosphäre dort hat etwas Geisterhaftes“, sagt Brück-Neufeld. Wer das Gelände schon mal in der Abenddämmerung erlebt hat, weiß, wovon sie fasziniert ist. Der Spreepark gleicht einem verwunschen Ort. Mit zugewucherten Tümpeln, in denen Frösche quaken. Mit eingesunkenen Bauten und umgestürzten Dinosaurier-Modellen aus Pappmaché, die trotz Größe verloren wirken. Und mittendrin das 45 Meter hohe Riesenrad, das leise ächzend im Wind schaukelt. Genau dort wurde damals „Spuk unterm Riesenrad“ gedreht. Jene Geschichte, in der Holzfiguren aus der Geisterbahn plötzlich lebendig werden und zwei Kinder, Tammi und Keks, bei einer Verfolgungsjagd einige Abenteuer zu bestehen haben.

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„Es ist wie eine Fügung, im spukigen Spreepark diese Geschichte zu spielen“, sagt die Kulturmanagerin. Noch sucht das Team Leute, die das Low-Budget-Projekt mitfinanzieren. Geld für Kostüme, Strom und Sicherheitsdienst wird auf der Plattform www.startnext.de/spuk-unterm-riesenrad gesammelt. Dieser Tage beginnen die Proben, am 6. Juli soll Premiere sein. An 24 Abenden, jeweils ab 19.30 Uhr, können jeweils rund 200 Besucher dabei sein, wenn es unterm Riesenrad spukt.

Gleich nach den Schauspielern kommen dann Künstler und Studenten aus Argentinien, Deutschland und den USA. Vom 28. Juni bis 1. Juli wollen sie im Spreepark über die Zukunft des Spreeparks diskutieren. Die hängt im Wesentlichen von den Banken ab. Diese sind Hauptgläubiger der insolventen Spreepark GmbH und pochen auf vollständige Rückzahlung der Schulden in Höhe von rund 15 Millionen Euro. Was bislang alle Investoren scheitern ließ. Auch das Land Berlin, dem das Gelände gehört, gibt sich ratlos. Nicht gezahlte Steuern, Pachtzinsen und weitere Verpflichtungen summieren sich auf weitere Millionen.

Beliebtes Gelände

Der neue starke Mann vor Ort, Gerd Emge, vertritt die Interessen der insolventen Spreepark GmbH beziehungsweise deren mittelloser Chefin Pia Witte. Er organisiert im Park Events. Mit den Einnahmen finanziert er seine Firma, die für die Sicherheit sorgt. „Gerade erhielt ich ein Gutachten vom Liegenschaftsfonds, wonach hundert Bäume eine Gefahr sind“, sagt Emge. Weil kein Geld für Schnittarbeiten da ist, hat er rund um den Park Schilder mit der Aufschrift „Betreten auf eigene Gefahr“ aufgehängt.

Das Gelände ist beliebt, nicht nur bei Theaterleuten. Während der jüngsten Berlin-Biennale stellten dort Schauspieler die Schlacht um Berlin nach. Filmteams geben sich die Klinke in die Hand, zuletzt drehte das ZDF Szenen für einen Krimi. An den Wochenenden gibt es Führungen (Sa 13 Uhr, So 13, 16 Uhr), man kann dann auch mit der kleinen Parkbahn fahren (2 Euro für 15 Minuten Rundfahrt). Am 16. Juni, zum Langen Tag der Stadtnatur, erklären Experten das gewachsene Biotop. In Verhandlungen ist Emge mit dem Management des Sängers und Entertainers Marc Terrenzi aus Boston, den die morbide Atmosphäre des Spreeparks lockt: Er möchte dort einen Ableger seiner „Terrenzi Horror Nights“ aus dem Europark Rust etablieren. Noch gibt es Probleme mit dem Bauamt.

Mit Konzerten ist Gerd Emge inzwischen vorsichtig geworden. Weil ein Techno-Veranstalter im vergangenen Jahr viel länger und lauter und mit weit mehr Besuchern als vom Amt erlaubt feierte, wird demnächst vor Gericht verhandelt. Weniger Probleme wird dagegen ein anderer Trend bereiten: Immer mehr Brautpaare wollen sich im Spreepark das Ja-Wort geben. Auf der Saurierwiese, ganz nahe beim Riesenrad, finden demnächst drei Hochzeiten statt. Ganz ohne Horror und Spuk.