Die Bühne war gesperrt und monatelang eine Baustelle, die Zukunft ungewiss. Kollegen anderer Theater luden die Schauspieler auf ihre Bühnen ein. Doch jetzt kann das Ensemble des Theater o.N. wieder dort spielen, wo es die Schauspieler seit den 90er-Jahren getan haben: In den Kellerräumen der Kollwitzstraße 53 in Prenzlauer Berg.

Eine lange Zeit zäher Gespräche und mühsamer Verhandlungen liegt hinter den Schauspielern, Puppenspielern, Musikern und Regisseuren. „Unser Kampf hat sich gelohnt“, sagt Dramaturgin Dagmar Domrös. „Allein hätten wir das nicht geschafft.“

An diesem Sonnabend eröffnet die bekannte Bühne wieder mit großem Programm für Kinder und Erwachsene. „Es herrscht eine freudige Aufbruchstimmung“, sagt Dagmar Domrös. „Jeder nichtkommerzielle Ort für Kultur und Begegnung ist wichtig in diesem Kiez.“ Das Theater spielt für Kinder im Alter ab zwei Jahren sowie für Erwachsene.

Offener Brief zum Erhalt des Theaters

Im Frühjahr vergangenen Jahres sah es aus, als würde es das Theater mit seinen 50 Plätzen nicht mehr lange geben. Der Mietvertrag endete, verlängern wollten ihn die Hausbewohner, die auch Eigentümer des Gebäudes sind, nicht. Schon vorher gab es Streit wegen lauter Geräusche, die ein Theater nun mal macht. Kinderlachen, Bühnengeräusche, laute Stimmen und Beifall störten die Bewohner im Haus. Sie forderten Schallschutz-Einbauten. Im Internet wurden die Räume bereits zur Neuvermietung angeboten. Das Ende des Theaters schien unabwendbar.

Doch es kam anders: Als bekannt wurde, dass das kleine Theater seine Spielstätte verlieren würde, solidarisierten sich viel Leute aus dem Kiez, Kollegen und Politiker. Einen offenen Brief zum Erhalt des Theaters unterschrieben 1500 Menschen.

Jeden Freitagabend trafen sich Künstler und Freunde vor dem Haus, im Deutschen Theater gab es eine Diskussion für den Erhalt der Spielstätte. „Wachsende Stadt – wo bleibt der Raum für die Kultur?“, hatten die Veranstalter den Abend genannt. Es ist die große Frage, die sich viele stellen – bis heute.

Die lange Geschichte des Theaters

Politiker wie Kultursenator Klaus Lederer und Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn (beide Linke) unterstützten das Theater, dessen lange Geschichte bereits in den 70er Jahren in der DDR begann.

Damals hatten Schauspieler die erste freie Theatergruppe Zinnober gegründet. Sie schrieben Stücke und führten sie auf, erhielten Spielverbot und durften nicht als Ensemble auftreten. Freie Künstlergruppen sollte es nicht geben, sie wurden auch nicht staatlich gefördert, dafür aber staatlich überwacht.

Ein soziales und kulturelles Projekt

Nach der Wende änderte Zinnober seinen Namen. Die neue Abkürzung o.N. stand aber nicht, wie bis heute viele vermuten, für „Theater ohne Namen“, sondern für das Gegenteil von Off-Theater, also On-Theater – Oder eben Theater o.N.

Noch heute gehören einige Gründungsmitglieder zum Ensemble. Am 20. September zeigt das Theater eine filmische Retrospektive der frühen Jahre. Zinnober hatte seine Spielstätte in der Knaackstraße in Prenzlauer Berg. Im Jahr 1996 zog die Truppe um, ins Wohnhaus Kollwitzstraße 53, gleich um die Ecke. Das Gebäude war damals mit Fördergeld des Landes Berlin sozial saniert worden. Der Senat hatte gefordert, dass in eine Gewerbeeinheit des Hauses eine gemeinnützige Einrichtung ziehen müsse – ein soziales oder kulturelles Projekt sollte es sein. So kam das Theater o.N. zu seinen Räumen.

70.000 Euro für Schallschutz

Für die Kulturverantwortlichen der Stadt wäre es eine politische Niederlage gewesen, sollte dieses Theater mit seiner ostdeutschen Geschichte seine angestammte Spielstätte in Prenzlauer Berg verlieren. Das Theater gehört zu den Kultureinrichtungen der freien Theaterszene, die jedes Jahr eine Fördersumme von 100.000 Euro bekommen.

Also schickte Kultursenator Klaus Lederer einen seiner Staatssekretär zu den Eigentümern des Hauses. Von einer „schwierigen Einigung“ über mehrere Monate hinweg berichten Beteiligte. Der Senat sicherte den Bewohnern zu, ihre Forderungen nach Schallschutz zu erfüllen.

Etwa 70.000 Euro kostete der Umbau. Im Bühnenraum wurden ein Schallschutzfenster eingebaut, die Wände bekamen eine zwölf Zentimeter dicke Verschalung.

„Wir sind keine Flüsterbühne.“

Das Theater hat nun einen neuen Mietvertrag, er gilt bis zum Jahr 2022. Darin stehen eine Menge Auflagen, an die sich die Theaterleute halten müssen. Konzerte sind verboten, Theater darf nur bis 22 Uhr gespielt werden, bei geschlossenem Fenster. Sonntags gibt es kein Vormittagsprogramm mehr ab 11 Uhr, nachmittags nur in der Zeit von 15 bis 18 Uhr. „Wir haben uns auf einen Kompromiss eingelassen“, sagt Dagmar Domrös.

Die Dramaturgin stellt aber auch klar: „Im Theater muss es auch mal laut sein. Wir sind keine Flüsterbühne.“ Bei ersten Lärmmessungen nach dem Umbau – dabei wurde auch lautes Getrampel auf dem neuen Bühnenfußboden simuliert – wurden die Grenzwerte für Lärm jedenfalls unterschritten.

Aufmerksamkeit zurückholen

Zur Wiedereröffnung des Theaters am Sonnabend wird auch der Kultursenator kommen. „Das Theater o.N. ist ein besonderes Beispiel dafür, wie man die Forderungen von Zugang zu Kultur, von der Teilhabe aller – der Jüngsten und Jüngeren eingeschlossen – mit Leben füllt“, sagt Lederer der Berliner Zeitung.

Die Theaterleute verteilen nun Zettel auf der Straße, mit Rasseln machen sie auf sich aufmerksam. Sie wollen spielen. „Wir sind wieder da“, sagt Dagmar Domrös. „Jetzt müssen wir unser Publikum zurückholen.“

Wiedereröffnung des Theaters o.N. am Sonnabend, 15. September, Kollwitzstraße 53, Prenzlauer Berg. Ab 10 Uhr Theaterstücke, Kinderspiele, Workshop, Musik. Eintritt frei. Das Programm unter: www. theater-on.de