„Also ich mach ja jeden Quatsch mit, aber ich leg mich nicht nackt in ´ne Badewanne – auch nicht für einen Film!“, sagt Rentnerin Hilde bestimmt. Nico, der neben ihr sitzt, kichert in sich hinein. Die beiden gehören zur „Theatergruppe Brückeladen“ der sogenannten Obdachlosen-Uni, einem Bildungs- und Partizipationsprojekt für Wohnungslose in Berlin.

Jeden Donnerstagnachmittag trifft sich die Theatergruppe für drei Stunden im Brückeladen, dem „Kontakt- und Beschäftigungsladen“ der Gebewo Soziale Dienste Berlin. Meist arbeitet die Gruppe mit der amerikanischen Performancekünstlerin Jill Emerson an neuen Stücken. Heute sitzen sie zusammen und entwickeln Ideen für Kurzfilme mit Emersons Mann Till Rothmund, selbst Schauspieler und Regisseur.

Eine Chance nach 40 Jahren

„Hoffnung“ steht in mehreren Sprachen auf einer selbstgemalten Leinwand. Dass es hier noch Hoffnung für alle gibt, liegt vor allem an Sabine Hahn. Sie ist seit 2004 Ansprechpartnerin für Wohnungslose und Suchtkranke in Schönweide. Viele der Besucher des Ladens kommen aus dem „Haus Schöneweide“, wo sie im betreuten Einzelwohnen leben, aber auch Nachbarn sind jederzeit willkommen.

„Das hier ist mein Baby“, sagt Hahn fröhlich – sie hat die Theatergruppe mitbegründet. 2012 wurde die Gruppe Teil des Kurs-Programms der „Obdachlosen-Uni“. Kommunikationswirt Maik Eimertenbrink stellte damals im Brückeladen bei einem kostenlosen Frühstück für Obdachlose seine Idee vor: Von Mai bis November 2011 hatten er und sein Team eine Befragung unter Berliner Wohnungslosen durchgeführt, um herauszufinden, welche Interessen bei Wohnungslosen herrschen und welche sie bereit sind, zu vermitteln.

Die geplanten Kurse sollten Obdachlosen eine neue Perspektive und das Gefühl geben, dass sie gebraucht werden – denn sie sollten auch selbst Kurse leiten. Zwei Stammgäste des Brückeladens zogen sofort mit: Klaus Seilwinder zum Beispiel. Er hat 40 Jahre lang getrunken, landete auf der Straße, wurde fast totgeprügelt. Dann kam der Entzug und bis heute ist er trockener Alkoholiker. Im Rahmen der „Obachlosen-Uni“ begann er mit Führungen durch Berlin und erzählte Touristen, wie es ist, obdachlos in Berlin zu sein. Bertram Lattner, ebenfalls obdachlos, hielt Vorträge über Ägypten, wo er lange gelebt hatte. Beide fanden in der „Obachlosen-Uni“ neue Möglichkeiten, sich zu betätigen. Eine Chance, dem Kreislauf aus Leben auf der Straße und Sucht wenigstens teilweise zu entkommen.

Der Verband für sozio-kulturelle Arbeit, die Alice-Salomon-Hochschule, die Stiftung Pfefferwerk und die Volkshochschule Treptow-Köpenick unterstützen oder finanzieren das Projekt.

Emerson und Rothmund werden von der Volkshochschule, der Gebewo und durch Spenden bezahlt. Mittlerweile gibt es zudem auch Philosophie-, PC- und Kochkurse, Englisch- und Gitarrenunterricht, seit kurzem wird sogar Yoga angeboten. Das Programm wird an soziale Einrichtungen verschickt und erscheint in der Obdachlosenzeitung „Straßenfeger“.

Der „Unioner“ scheint zu passen

Rothmunds und Emersons Firma „Social Muscle Club“ hat schon einige künstlerische, partizipative Gesellschaftsprojekte angestoßen. „Wir bekommen für unsere Arbeit viele Impulse “ sagt er. Die Stücke und Filme entwickeln sich aus den Ideen der Teilnehmer. Es geht um das Leben auf der Straße, um Einsamkeit, aber auch um Erinnerungen an Reisen. Auch im neuen Stück wird wieder gesungen und Musik gemacht. Vielleicht macht ja dann auch der Spanier Manuel mit, der sich bei den heutigen Proben den Anderen vorstellt.

Sabine Hahn hat ihn eingeladen. Er ist Musiker, lebt seit 20 Jahren in Deutschland. „Und ich bin Unioner“, sagt er, die Anderen lachen und nicken zustimmend. Das scheint zu passen.

Die aktuellen Teilnehmer der „Theatergruppe Brückeladen“ kommen aus Tagesstätten und Wohnprojekten, auf der Straße lebt im Moment niemand. Was kann so eine Theatergruppe im Leben ihrer „Klienten“ verändern? „Das verändert alles!“ sagt Sabine Hahn mit Überzeugung. Das Wichtigste sei, dass sie nicht mehr nur um sich selbst kreisen würden, wie das bei Suchterkrankten oft der Fall sei. „Das hier ist soziale Bildung“., sagt Hahn.