Berlin - Dirk Moritz ist nur seinem Gefühl gefolgt. Jedenfalls beschreibt der Unternehmer so, warum er vor vier Jahren in der Gartenstraße in Mitte einen Hausmeister bat, die Tür eines maroden Gebäudes mit zugemauerten Fenstern zu öffnen. Nach knapp 80 Jahren ist auf diese Weise allerdings ein vergessenes Stück Stadtgeschichte wieder sichtbar geworden. Hinter der heruntergekommenen Hausfassade ist ein altes Theatervarieté aus den Zwanzigerjahren entdeckt worden. Nun soll das Gebäude saniert werden.

Hinter der Tür mit der Nummer sechs traf Moritz damals auf einen verwahrlosten, alten Saal mit Bühne und verblassten Wandmalereien. „Als ich die Architektur der Räume sah, war es Liebe auf den ersten Blick“, sagt der Gründer und Geschäftsführer der Moritz Gruppe. Sein Unternehmen hat sich auf die Projektentwicklung besonderer Immobilien spezialisiert, dazu zählen Wohnprojekte wie das Umspannwerk in Prenzlauer Berg und die Zuckerwarenfabrik in Alt-Hohenschönhausen.

Dirk Moritz begann nach der Geschichte des Hauses zu forschen. „Anfangs hatte ich einen kirchlichen Raum oder ein Privathaus mit Loge vermutet.“ Doch in den Archiven der Stadt, im Internet, in allen Museen fand er keine historischen Daten zu seinem Fund. Die Geschichte der Gartenstraße 6 blieb rätselhaft. Erst als das Stadtarchiv in Mitte einen Aufruf in der Bevölkerung startete und nach Hinweisen fragte, kam 2011 die langersehnte Antwort: Der Theatersaal gehörte einst zum Wirtshaus „Fritz Schmidt’s Restaurant und Festsäle“.

Der Unternehmer Oscar Garbe, der auch am Bau der Samariterkirche beteiligt war, hatte das dreistöckige Haus im Jahr 1905 errichtet. Seine Blütezeit hatte das Varieté in den Zwanzigern unter dem Namen „Kolibri-Festsäle und Kabarett“. Eine alte Postkarte, auf der das Varieté abgebildet war, hatte den entscheidenden Hinweis geliefert.

„So ein Fund ist heutzutage sehr überraschend“, sagt Dorothee Brantz, Professorin für Stadtgeschichte an der TU Berlin, „wobei ja nicht das Gebäude vergessen wurde, sondern vielmehr die frühere Funktion“. In Mitte habe es um 1920 viele Varietés gegeben. „Leider gibt es ab 1934 keine weiteren Informationen mehr über das Kolibri“, sagt Dirk Moritz. In der Nachkriegszeit wurde in den Räumen Bauschutt gelagert, danach nutzte eine Schlosserei das Erdgeschoss. „Einige Häuser wurden in der DDR einfach umfunktioniert“, sagt Dorothee Brantz. Deshalb seien Wiederentdeckungen im Ost-Teil der Stadt wahrscheinlicher. Mittlerweile hat die Moritz Gruppe das Haus von einer tschechischen Erbengemeinschaft erworben.

Dirk Moritz möchte das renovierungsbedürftige Theatervarieté mit 1,7 Millionen Euro sanieren und es mit moderner Technik ausstatten. „Der alte Charme dieser Zeit soll jedoch auf jeden Fall im Saal erhalten bleiben“, sagt er. Ende des Jahres könnten die Umbaumaßnahmen beginnen. Unter dem Namen „Secret Garden“ soll ein besonderes Wohnprojekt entstehen. „Bislang sammle ich noch Ideen, ich könnte mir aber eine Mischung aus Wohnen, Arbeiten und Kunstausstellung vorstellen“, sagt er. Im Untergeschoss des Hauses sind derzeit bis zum 13. Oktober die Werke des Künstlers Mike Nelson ausgestellt. Der alte Theatersaal ist noch nicht zu besichtigen. Vielleicht ab 2014.