Berlin - Die junge Frau hat einen Pagenschnitt. Sie hält eine große altmodische Kamera in den Händen. Selbstbewusst wirkt sie, wie sie so kerzengerade dasteht, apart. Die Frau heißt Yva, es ist ihr Künstlername. Ihr Foto zusammen mit einer kurzen Biografie ist derzeit auf einer Säule am Brandenburger Tor zu sehen. Es ist Bestandteil des Themenjahrs „Zerstörte Vielfalt“, das am 30. Januar, dem 80. Jahrestag der Machtübernahme durch Adolf Hitler eröffnet wird. Es wird bis zum 9. November, dem 75. Jahrestag des Judenpogroms, dauern. „Berlin will sich damit der Verantwortung für die Geschichte stellen und sich aktiv mit ihr auseinandersetzen“, sagte am Montag der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bei der Vorstellung des Programms im Liebermann-Haus.

Säulen in der ganzen Stadt

Der Berliner Senat hat das Themenjahr initiiert. Es widmet sich den Künstlern, Schriftstellern, Komponisten, Theaterleuten, aber auch Ärzten, Anwälten und Lehrern, die Anfang der 1930er Jahre das Leben Berlins prägten und dann der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Bisher wenig beachtete Aspekte werden ins Licht gerückt, etwa die Verfolgung gehörloser Menschen und auch schwuler oder lesbischer Juden und Jüdinnen.

Mehr als 120 Projektpartner engagieren sich derzeit dafür, darunter sind Museen, Vereine, Galerien, Theater, Archive, Bezirksämter, kirchliche Einrichtungen sowie private Initiativen. Im Laufe des Jahres werden noch weitere dazukommen. Es wird Ausstellungen, Diskussionsrunden, Lesungen, Stadtführungen und Kunstprojekte geben. Die Auswirkungen des Terrorregimes der Nationalsozialisten sollen vor allem mit Hilfe von Lebensläufen zugänglich gemacht werden.

Dem Themenjahr wird man auch zufällig begegnen, denn es werden in der ganzen Stadt 120 Säulen an Originalschauplätzen stehen. Einige von ihnen werden Menschen vorstellen. Die weltberühmte Opernsängerin Lotte Lehmann etwa, die Görings Angebot, als erste „Reichsdeutsche Nationalsängerin“ nur noch im „Tausendjährigen Reich“ aufzutreten, ablehnte und 1938 in die USA emigrierte und ihre Karriere dort fortsetzte. Der Schauspieler Hans Otto, Mitglied der KPD, der schon 1933 von den Nationalsozialisten gefoltert und ermordet wurde. Oder die Schriftstellerin Irmgard Keun, die mit ihrem Roman „Das kunstseidene Mädchen“ in ganz Europa bekannt wurde. Die Nationalsozialisten aber beschlagnahmten das Buch als „undeutsche und unzüchtige Asphaltliteratur“, und Irmgard Keun ging zunächst in die Niederlande und später in den Untergrund. „Wir wollen deutlich machen, dass diese Menschen nicht vergessen sind, nicht die Ermordeten, nicht die Vertriebenen“, sagte Wowereit. „Wir wollen diese Menschen wieder einbürgern.“ Die zentrale Porträtausstellung mit 240 historischen Fotos von Berlinern ist nun einige Wochen lang am Brandenburger Tor zu sehen. Mitte März wird sie voraussichtlich in den Lustgarten umziehen.

Andere Säulen werden von den konkreten Orten über historische Ereignisse informieren. So werden auf dem Platz der Republik zwischen dem Reichstag und der ehemaligen Kroll-Oper, die einst in der Nähe des Bundeskanzleramtes stand, die Zentren und die einzelnen Stationen der Machtergreifung dargestellt. Am Wittenbergplatz zeigt die Ausstellung „Vom Boykott zum Pogrom“ die Radikalisierung im Umgang mit den Juden. Am Rathaus Tiergarten stellen Säulen den „Weg der Deportierten“ dar. Weitere Säulen werden die über 50 Ausstellungsorte in der Stadt markieren. Mittelpunkt sämtlicher Ausstellungen ist vom 31. Januar an die Schau „Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933 -1938“ im Deutschen Historischen Museum .

Die Spur verliert sich

Yva, die junge Frau mit der Kamera, hieß eigentlich Else Ernestine Neuländer-Simon. Sie war eine gefragte Modefotografin, hatte ein eigenes Atelier in der heutigen Klingelhöferstraße, zahlreiche Angestellte. Da sie Jüdin war, erhielt sie 1933 Berufsverbot. Ihr Atelier blieb eine Zeit lang weiterbestehen, sie übertrug die Leitung einer arischen Freundin. Neben der Modefotografie war Yva auf Aktfotografie spezialisiert. Ein gewisser Helmut Neustädter ging bei ihr in die Lehre, heute kennt man ihn als Helmut Newton. Ihm gelang die Flucht, Yva wurde zusammen mit ihrem Mann Alfred Simon im Jahr 1942 in das Konzentrationslager Majdanek deportiert. Dann verliert sich ihre Spur. Nun wird die Erinnerung an sie in Berlin wieder lebendig.

Informationen zu dem Programm des Themenjahres gibt es unter www.berlin.de/2013