Potsdam - Siegfried Pfeiffer kommt in seinem Rollstuhl meist nur recht schleppend voran. „Die Krankheit hat mich in den Rollstuhl gezwungen“, sagt der 80-Jährige leise. Er wirkt fast ein wenige verzagt. Nur sehr langsam hebt er den Kopf, der von einer knallroten Kappe geschützt wird. Plötzlich ist da dieses Leuchten in seinen Augen.

Er schaut in den Garten, lächelt sehr breit und auch sein Rollstuhl erreicht nun eine ungeahnte Geschwindigkeit. Pfeiffer hat drei Alpakas entdeckt, die er noch nie gesehen hat. Das will er sehen und rollt zu den Stuten Finja und Oana und zum prächtigen Hengst Caral.

Alpakas sind geduldige Tiere

Die Tiere sind zu Gast beim Herbstfest im City-Quartier, einem Pflegewohnstift im Herzen Potsdams, neben Grillbuffet und Livemusik sollen sie den Bewohnern einen abwechslungsreichen Nachmittag bereiten. Tiere als therapeutische Assistenten haben sich bewährt, Hunde, Pferde, Delfine gehören zu den Bekanntesten, Alpakas sind in dieser Mission eher selten unterwegs.

Dabei hat das Alpaka gegenüber den vierbeinigen Kollegen einen großen Vorteil. Während die meisten Menschen mit Hund und Pferd bereits Erfahrungen haben, möglicherweise nicht nur Gute, ist die Begegnung mit dem Kleinkamel Alpaka unbelastet.

Alpakas sind sehr geduldig. Tierschützer mögen gegenhalten, nicht artgerecht. Die Alpakas stammen aus der 1. Alpaka-Farm Havelland, wurden dort geboren, leben sonst auf einer weitläufigen Koppel in ihrer Gruppe und werden eines Tages auch dort sterben.

„Ich war immer selbstständig und habe für mich und andere gesorgt.“ Diesen Satz hört man hier häufig. Auch Waltraud Müller sagt ihn. Die 81-jährige ehemalige Kinderkrankenschwester aus Berlin trägt, wie sie selbst sagt, das Herz auf der Zunge. Sie sitzt in Gesellschaft einiger anderer Damen im Schatten, genießt die Musik, das Essen, dazu eine Limo. Ihre muntere Maske fällt beim Spaziergang, der von Caral und Besitzer Joachim Kuntzagk begleitet wird.

„Ich bin noch nicht lange hier. Als mein Mann starb, kam ich allein nicht mehr zurecht“, erzählt Waltraud Müller. Sie lädt ein in ihr kleines Reich, ihr Zimmer. Ein Foto auf der Kommode zeigt sie und ihren verstorbenen Mann, ein freundlich in die Kamera blickendes junges Paar.

„Ich kann nicht aufhören zu trauern“, sagt die Seniorin. Caral schmiegt sich an die im Sessel sitzende Frau. Sie drückt ihr Gesicht in sein Fell, hält ihn mit den Armen umfangen, liebkost das Tier. Caral rückt näher, schmiegt sich an.

Begeisterung für Tiere teilen

Joachim Kuntzagk steht still daneben, wartet bis die Frau sich von dem Tier löst. Kuntzagk weiß, was die Zuneigung eines Alpakas bewirken kann. Er und seine Frau Nora wollen ihre Begeisterung für die Alpakas teilen. Dafür kann man sie auf ihrer Farm besuchen, oder das Paar fährt mit den Tieren dorthin, wo die Menschen wohnen und leben.

Bezahlt werden sie dafür nicht, lediglich Futterspenden nehmen sie entgegen, für Besuche lassen sie sich die Kosten ersetzen. Nebenher verkaufen sie Produkte aus dem Edelhaar der Tiere. Für Nora Kuntzagk sind die Tiere Lebensbegleiter. Sie leitete früher das Kamel-Revier im Berliner Tierpark. Alpakas haben wie ihre großen Verwandten auch eine Gaumenspalte, über die Schwitzwasser direkt wieder ins Maul laufen kann. Alpakas spucken auch, allerdings nur in der Kommunikation mit anderen Alpakas, erklärt Kuntzagk. Caral ist sogar in gewisser Weise stubenrein, dringende Bedürfnisse kündigt er an, der Eimer sollte dann schnell zur Hand sein.

Streicheleinheiten

Zurück beim Fest wird Caral von Siegfried Pfeiffer in Empfang genommen. Früher hat Pfeiffer als Schlosser sein Geld verdient, hatte einen Zwergpudel und einen Papagei. „Tiere sind wunderbar“, sagt er und streicht über Carals schlanken Hals. Margarete Sommerfeld sitzt etwas verloren an ihrem Tisch. „Meine Familie hatte mich schon abgeschrieben. Ich war viel krank, bin oft gefallen, und nun bin ich hier“, sagt die 83-Jährige.

Die Potsdamerin sagt, sie fühle sich wohl hier, und doch hätte sie gern wieder eine eigene kleine Wohnung. Neben ihr taucht Caral auf, holt sich Streicheleinheiten ab, bedankt sich mit einem Küsschen. Margarete Sommerfeld lacht, sieht dem Tier lange nach und wiegt den Oberkörper leicht im Takt der Musik.

Mehr zur Alpaka-Farm unter: www.hvl-alpaka.de