Wenn Abir Machlab über das Erlebte spricht, steigen der Frau noch immer die Tränen in die Augen und ihre Stimme fängt an zu zittern. Die 39 Jahre alte Bäckerei-Verkäuferin fühlt sich noch immer tief verletzt. Sie sitzt an diesem Dienstagvormittag im Wohnzimmer ihrer Charlottenburger Wohnung, draußen ist der Autoverkehr der nahen Stadtautobahn zu hören. Sie sagt, sie habe immer gedacht, Deutschland meine es ernst mit der Toleranz und der Willkommenskultur. Doch seit dem vergangenen Sonnabend ist dieser Glaube erschüttert.

Am Sonnabend war Abir Machlab, die vor 23 Jahren aus dem Libanon nach Berlin kam, mit zwei Töchtern und einer Freundin in der Therme in Bad Saarow. Der Urlaub war vorbei, und sie lud ihre 43-jährige Freundin und deren zehnjährigen Sohn nach Brandenburg ein. Ihre Nachbarn hatten ihr die dortige Therme ans Herz gelegt. Abir Machlab sagt, man habe sich dort einen schönen und erholsamen Tag machen wollen.

Der Ärger begann, als Abir Machlab und ihre jüngste Tochter Salwa mit Burkinis bekleidet die Therme betraten und sich eine ältere Dame über das Outfit echauffierte. Schließlich kam der Bademeister, er sprach von mehreren Beschwerden und von einer „unangemessenen Bekleidung“. Nach langer Diskussion verließen die Frauen die Therme. Abir Machlab sagt, sie seien dazu aufgefordert worden. Therme-Chef Axel Walther bestreitet das. Er sagte der Nachrichtenagentur dpa, der Bademeister habe die Burkinis nicht als solche erkannt und den Frauen lediglich gesagt, dass sie beim nächsten Mal etwas anderes anziehen sollten.

Früher trug Tochter Leggings

Abir Machlab erzählt, dass sie noch in der Therme die Polizei gerufen hätten. Weil sie sich diskriminiert fühlten. Sie holt ein gelbes Blatt Papier hervor. Es ist die Kopie der Anzeige, die sie am Sonnabend um 16.53 Uhr wegen Beleidigung erstattet hat. Dann geht sie nach nebenan und kommt mit ihren Badesachen zurück, die so sehr den Unmut einiger Therme-Gäste erregten. In der einen Hand hält sie ihren schwarzen Burkini mit pinkfarbenen Streifen. „Schwarz macht mich ein wenig schlanker“, erzählt sie und lächelt dabei ein wenig. In der anderen Hand trägt sie die beiden Burkinis ihrer jüngsten Tochter Salwa: ein buntes und ein schwarz-rotes Teil. „Und was, bitte schön, ist daran so schlimm?“, fragt sie dann.

Früher habe ihre Tochter in Leggings schwimmen gehen müssen. Sie sei froh gewesen, als sie die Burkinis in Ägypten gekauft habe. Sie sind aus demselben Material wie übliche Badeanzüge oder Bikinis und erlauben es Musliminnen, in öffentlichen Bädern schwimmen zu gehen.

In der Therme in Bad Saarow kam es zum Eklat

Nicht immer hat sich Abir Machlab um solche Sachen gekümmert. Das Kopftuch zum Beispiel. Sie wuchs nach eigenen Angaben bei der Tante auf, die nie eines besessen habe. Erst mit 16 Jahren fing sie an, wie sie sagt, sich ein wenig mit ihrer Religion zu beschäftigen. „Ich habe mich damals aus freien Stücken dazu entschieden, ein Kopftuch zu tragen“, sagt Abir Machlab. Sie zeigt auf das braune Tuch, das ihre Haare bedeckt: „Denken Sie, dass ich damit meine Freiheit eingebüßt habe? Nicht ein Stück“, sagt sie.

Ihren Ehemann, der 1974 wegen des Bürgerkriegs im Libanon nach Deutschland kam und der bei den Berliner Verkehrsbetrieben arbeitet, lernte sie 1993 kennen – am Mittelmeerstrand von Tyros. Sie verliebte sich und ging mit ihm nach Berlin. In Berlin kamen ihre drei Kinder zur Welt, sie haben deutsche Pässe. Die älteste Tochter ist 21 Jahre alt und medizinische Fachangestellte. Sie war am Sonnabend mit in Bad Saarow, trug jedoch, anders als Mutter und Schwester, einen Badeanzug. Ihre Mutter akzeptiert, dass ihre Älteste kein Kopftuch mag und beim Schwimmen auch keinen Burkini anhat. „Es ist ganz allein ihre Entscheidung“, sagt Abir Machlab.

In Berlin gibt es keine Probleme

Auch ihre jüngste Tochter werde zu nichts gedrängt. Salwa geht in die achte Klasse und trägt seit zwei Jahren ein Kopftuch. Sie sagt, sie gehe in Berlin immer im Burkini schwimmen. Weder im Sommerbad Seestraße noch am Olympiastadion sei sie deswegen jemals angesprochen worden. „Was in Bad Saarow geschehen ist, ist eines der eigenartigsten Erlebnisse meines Lebens“, sagt Salwa.

Ihr Vater, der gerade vom Dienst nach Hause kommt, will zu dem Vorfall vom Sonnabend nichts sagen. Er erzählt nur, dass er arbeiten musste und deswegen nicht mitgefahren ist nach Bad Saarow. „Aber das andere lassen Sie sich alles von meiner Frau erzählen, sie macht das schon“, sagt er und verschwindet in einem anderen Zimmer.

Abir Machlab nickt, erzählt, dass die Familie oft in den Libanon fahre, zu Verwandten. „Manche Frauen aus der Familie laufen am Strand mit Bikini herum, manche mit Burkini. Und trotzdem gehören wir doch zusammen“, sagt sie. Deswegen kann sie nicht verstehen, was ihr in Brandenburg widerfahren ist. Die Ablehnung, die ihnen entgegenschlug und die der Bademeister mit der derzeitigen Weltlage zu erklären versuchte. Sie sagt, auch sie habe Angst vor Terror. „Ich mag auch keine verhüllten Frauen und finde ein Burka-Verbot durchaus richtig.“ Aber ein Burkini sei doch etwas ganz Anderes. „Wir wollten doch nur baden gehen und einen schönen Tag haben.“