Berlin - Islam ist längst nicht mehr nur eine Religion. Er ist auch Reizwort und Projektionsfläche. Wenn der Islam dann noch in den Spielarten Islamismus oder Fundamentalismus vorkommt, fallen viele Hemmungen. Diese Gedanken seien diesem Text vorangestellt. Denn es geht um einen Vorgang, der in der Stadt zurzeit eigenartige Blüten treibt.

Vor einer Woche hatte der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi an der Dar as-Salam Moschee in Neukölln in einer medienwirksamen Aktion Plakate mit 40 Thesen zum Islam verbreitet. Einzelne würde man bedenkenlos unterschreiben. Ourghi fordert einen europäischen Islam, die Freiheit zur Interpretation für Gläubige, ein humanistisches Gottesverständnis, Glaubensfreiheit. Es sind aber auch Zumutungen für konservative Gläubige dabei, etwa dass Mohammed nur ein Mensch gewesen sei.

Ourghi vermarktete sein Buch

Problematisch ist die Präsentation dieser Forderungen. Ourghi lief mit seinen Forderungen am Sonnabend, morgens um acht vor der Moschee auf und inszenierte dort eine Art Thesenanschlag frei nach Martin Luther. Geladen waren Medienvertreter. Mit dem Moscheeverein hatte Ourghi nicht gesprochen. Für ein Foto tat er so, als würde er den Zaun zum Moscheegelände übersteigen.

Ourghi vermarktete auf diese Weise sein jüngstes Buch, aus dem die Thesen stammen. Wir haben darüber bisher nicht berichtet, weil der Wunsch nach Publicity den Inhalt stark überlagerte. Aber dann ging es weiter und mittlerweile sind wir doch zu der Auffassung gelangt, dass diese Geschichte einer breiteren Öffentlichkeit bekanntgemacht werden sollte.

Ourghi verteidigte seinen Thesenanschlag

Als erster hat sich Martin Germer, der Pfarrer der Evangelischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche zu Wort gemeldet. Germer schrieb Ourghi einen offenen Brief. Er war am Sonnabend vor Ort. Offenbar hatten ihn Moscheemitglieder als Zeugen um Hilfe gerufen. Germer schreibt: „Wenn es Ihr Anliegen ist, zur Reform des Islam beizutragen: Warum haben Sie dann nicht vorher Kontakt zu den Verantwortlichen der Moschee-Gemeinde aufgenommen?“

Germer spricht von provokativ angelegter Selbstinszenierung. „Wenn jemand unangemeldet zu uns an die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche käme, um dort – im Martin-Luther-Gestus – eigene Thesen an die Kirchentür zu kleben, und wenn er dies zudem so erkennbar als Medien-Inszenierung durchführen würde, würden wir einen solchen Missbrauch unserer Kirche als öffentlichkeitswirksamen Hintergrund nicht dulden, sondern unser Hausrecht geltend machen“, so Germer. Andreas Goetze, Landespfarrer für interreligiösen Dialog, schloss sich an.

Nun hat sich Ourghi wieder zu Wort gemeldet und seinen Thesenanschlag verteidigt. Er betrachtet die Moschee zwar als Zentrum salafistischen Gedankenguts, spricht nun aber vom Beginn eines innermuslimischen Dialogs. Bisher ist dieser Dialog sehr einseitig.