Berlin - Es ist der erste warme Sommertag in Berlin. Wir sitzen auf der Wiese auf dem Tempelhofer Feld, die Sonne brennt, der Asphalt flimmert. Im Hintergrund spielen zwei Männer mit freiem Oberkörper Beachtennis, auf der Landebahn rollen die Skater vorbei. Thilo Bock trägt Sonnenbrille und Jutebeutel.

Herr Bock, was bedeutet Ihnen das Tempelhofer Feld?

Es ist diese Weitläufigkeit, die mich fasziniert. Wo gibt es das sonst in Berlin? Die Möglichkeit, so viel Himmel zu sehen und so weit gucken zu können, aber trotzdem zu wissen, dass man in Berlin ist? Das hat viel Charme hier. Auf dem Feld können die Menschen genau das machen, was sie gerne möchten.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch über das Tempelhofer Feld zu schreiben?

Ich war öfter hier, wie viele andere eben auch. Diese Andersartigkeit des Feldes hat mich angezogen. Man ist hier wie außerhalb von Berlin, man erkennt zwar die Sehenswürdigkeiten, aber es fühlt sich trotzdem so an, als ob man auf dem Land wäre. Es sind viele Leute anwesend, aber man ist niemandem im Weg. Alle haben hier genug Platz. Das hat mir gefallen und irgendwann war die Idee da, dort eine Geschichte spielen zu lassen. Ich habe dann angefangen, mich mit der Geschichte zu beschäftigen und festgestellt, dass die eben auch sehr vielseitig ist. Von Zwangsarbeit im Nationalsozialismus bis zur Luftbrücke West-Berlins.

War es von vornerein klar, dass es ein Roman wird?

Es war klar, dass ich keinen Roman mit mehreren Schichten schreiben möchte, einer der über einen längeren Zeitraum spielt. Es sollte eine leichte Sommergeschichte werden, die vielleicht auch hier auf dem Feld gelesen werden kann. Ein Sommerroman, der aber auch die historischen Ebenen widerspiegelt ohne ins Detail zu gehen. Ich wollte kein 1000-seitiges Panorama über das Tempelhofer Feld schreiben. Das Buch ist ein Liebesroman, nicht nur zwischenmenschlich, sondern es ist auch eine Liebesgeschichte zum Tempelhofer Feld. Denn mein Protagonist verliebt sich eigentlich in das Feld.

Waren Sie zu dieser Zeit schon viel auf dem Tempelhofer Feld unterwegs?

Vorher nicht so. Aber als ich dann entschlossen hatte, darüber zu schreiben natürlich schon: Um Eindrücke zu sammeln, um zu beobachten und um das Gelände zu spüren. Zu Hause am Schreibtisch habe ich dann mein eigenes Tempelhofer Feld entstehen lassen.

Wie sah dann so eine Recherche aus?

Ich bin viel herumgelaufen, habe geguckt, war auf den Aufsichtstürmen. Aber ich habe mich natürlich auch mit Freunden hier verabredet, wo die Recherche nicht im Vordergrund stand. Gleichzeitig habe ich recherchiert und gelesen - über die Geschichte und zum Beispiel das Zwangsarbeiterlager, das auch im Buch vorkommt. Ich habe auch an einer Führung teilgenommen.

Wie lange haben Sie an dem Buch geschrieben?

Insgesamt etwa ein Jahr, von der Idee bis zur Veröffentlichung. Das ist dann schon ein Fulltime-Job, auch wenn ich zwischendurch auch immer noch etwas anderes gemacht habe - zum Beispiel Kurzgeschichten geschrieben.

Sie schreiben das Buch aus der Ich-Perspektive. Wie viel Prozent des Romans ist autobiographisch? Sie sind 40 Jahre, der Protagonist Sven ebenfalls.

Das wirkt natürlich sehr offensichtlich. Aber ich habe ja schon mehrere Romane geschrieben, die alle aus der Ich-Perspektive erzählt werden. Da würde ein ziemlich schizophrenes Bild von mir entstehen, wenn das alles autobiographisch wäre. Wobei jeder Autor natürlich auch immer ein Stück von sich in sein Buch gibt. Also komme ich in den Figuren natürlich auch irgendwie vor. Aber die ganzen Geschichten sind erfunden. Es gibt diese Personen nicht.

Am Sonntag stimmen die Berliner über das Tempelhofer Feld ab. Wie stehen Sie dazu?

Ich habe das Tempelhofer Feld und seine Unfertigkeit sehr schätzen gelernt, auch dass sich das Gelände von unten entwickelt hat. Ich fände es schade, wenn sich der Charakter des Feldes total ändern würde. Auch wenn nur von einer Randbebauung die Rede ist.

Warum?

Ich finde, das hier ist ein Ort, an dem man probieren sollte, keinen Masterplan anzusetzen. Das Feld sollte sich im Kleinen entwickeln können. Das heißt ja nicht Stillstand. Denn es entwickelt sich ja etwas, nur eben langsam. Ich stimme auf jeden Fall gegen die Pläne des Senats und für den Gesetzesentwurf "100%-Tempelhofer-Feld-Initiative".

Glauben Sie, dass die Initiative am Sonntag beim Volksentscheid Erfolg haben wird? Also 625.000 Ja-Stimmen bekommen kann?

Ich fürchte, dass sie es nicht schaffen. Dafür stimmen zu viele Berliner ab, die mit dem Tempelhofer Feld nicht viel anfangen können. Wer in Köpenick oder Zehlendorf wohnt, der muss und wird sich damit nicht so beschäftigen. Wenn man sich damit nicht auskennt, klingt Wohnungsneubau ja auch erst mal wie ein gutes Argument. Wenn man nicht weiß, was hier verloren gehen kann, dann ist man sicher für die Senatspläne. Selbst in meinem Bekanntenkreis gehen die Meinungen da auseinander. Viele sind auch gegen beide Gesetzesentwürfe.

Das Interview führte Melanie Reinsch

Thilo Bock: Tempelhofer Feld. Ein Freiluftroman. 208 Seiten, gebunden. Verlag Fuchs & Fuchs