Der Leidensweg des Jesu von Nazareth beginnt laut biblischer Geschichte in der Nähe des Jerusalemer Löwentors und endet auf dem einstigen Golgatha-Hügel in der Grabeskirche. Der ganze Märtyrerparcours wird seither die Via Dolorosa genannt. Pilger aus aller Welt schleppen das ganze Jahr über zentnerschwere Holzkreuze den Kreuzweg vom Fuße des Ölbergs herab und die Via Dolorosa hinauf. Schwitzend, ächzend, sich schindend, bisweilen zusammenbrechend, so, wie ihr Herr und Meister anno dunnemals. Die Gelehrten nehmen dafür die Jahre um 29 bis 35 unserer Zeitrechnung an.

Was auf 14 weiß gerahmten Bildern (vier davon sind hier abgebildet) längst der evangelischen St.- Matthäus-Kirchenwände am Berliner Kulturforum zu sehen ist, stammt inhaltlich aus dem uralten Buch der Bücher, der Heiligen Schrift. Und es gehört zugleich zu den Pionierleistungen der Computerkunst. Der Avantgardist des neuzeitlichen Genres, Thomas Bayrle, wurde 1937 in Berlin geboren. Seit vielen Jahren lebt er in Frankfurt am Main. Der berühmte Mann war einer der ersten deutschen Künstler, der animierte und computergenerierte Bilder herstellte, dies allerdings nicht wahllos, sondern immer nach den Grundprinzipien der grafischen Kunst und des Seriellen.

Auf der Documenta 13 vor zwei Jahren flogen auf diese Weise riesige Flugzeuge auf den Wänden der Documenta-Halle am Kasseler Friedrichsplatz, ohne jedoch wirkliche Masse und Energie zu haben, gar einen Luftzug zu verursachen. Rasender Stillstand, so hätte die Arbeit aus lauter netzartigen Linien auch heißen können.

Bayrles Berliner „Agnus Dei“-Zyklus aber vermittelt uns keine Illusion vom Fliegen, kein Starten, kein Landen, kein Über-den-Wolken-Gefühl. Hier wird Jahrhunderte alte Ikonografie umgedeutet, neu interpretiert, sodass man mit ungeheurer Bildwucht erfährt, dass die Menschheit seit dem Tod Christi so gar nicht klüger, weiser, besser geworden ist.

Für die Kreuzweg-Bilder nahm Bayrle den mittelalterlichen steinernen Schmerzens-Fries aus dem Dom zu Speyer als Vorlage. Bei den gleichfalls wie Schablonen in Netz-Struktur geformten Kreuzweg-Szenen bleibt der Bildgrund aber weiß und damit leer. Immer dann, wenn Jesu unter dem schweren Kreuz zusammenbricht und andere Gestalten ihn entweder stützen oder aber brutal hochzerren, hat der Künstler grellbunte Piktogramme aus der Welt des Internets: – Google Chrome, Explorer, Mozilla Firefox – und aus der aktuellen Markenwaren-Welt eingefügt. Er hat diese Zeichen globaler Vernetzung und omnipotenter Informationen wie Verheißungen, wie Versprechen, wie Verführungen zwischen diese Tausenden von symmetrischen wie asymmetrischen grafischen Netzstrukturen eingefügt: Coca-Cola, Fanta, Adidas, BMW, Audi.

Hier tobt also, auf dem Körper des malträtierten und schon halbtoten Gottessohnes der alltägliche Krieg der Internet- und Konsum-Welt. Freilich anders, informativer, wissensvermittelnder, bunter, süßer als der schmutzige, blutige, brandige Krieg vor 100 Jahren, begonnen im August 1914. Dieses Datum war der Anlass für Bayrles Bildserie, die er nun im Berliner Backsteinkirchenbau des Schinkelschülers Friedrich August Stüler ausbreitet.

Und es ist auf diesen Grafiken eher ein unterhaltsamer Krieg, einer des Überflusses, der rigorosen Ressourcen-Zerstörung durch maßlose Überproduktion bei gleichzeitiger Status-Symbolik. Dabei sind diese Zeichen Selbstverständlichkeiten, jedermann bekannt und immer und überall und jederzeit zu haben. Was im alltäglichen modernen Leben nicht so dauerpräsent ist, sind Empathie, Geschichtsbewusstsein, Erkenntnis und Einsicht.

Kreuzwege sind in der langen Kulturgeschichte üblicherweise dargestellt als volkstümliche oder streng-theologische Bild-Erzählungen. Thomas Bayrle will hingegen, das die Betrachter seiner leeren Netz-Räume diese mit ihren Gedanken, Gefühlen, Vorstellungen zum Leidensweg, zum Krieg, zum menschlichen Gewalt-Wahn füllen. Er wünscht sich, dass wir uns dafür ein paar Minuten anstrengen.

Und dann ist noch Bayrles Altarbild: Michelangelos „Pietà“ aus dem Petersdom zu Rom digitalisierte der Künstler in einem wie aus Tinte gezeichnetem Liniennetz auf bläulich-grauem Grund. So entstanden Tausende kleine Zwischenräume – oder Kammern – voller unterschiedlicher Kreuze: Ein Millionen-Ornament, mit dem Bayrle an das Millionenfache unsinnige Sterben der Soldaten aller Länder im Ersten Weltkrieg erinnern will.

St. Matthäus-Kirche am Kulturforum, Matthäikirchplatz, bis 11. Januar 2015, Di–So 11–18 Uhr, Eintritt frei. Telefon: 28 39 52 83.
Internet: www.stiftung-stmatthaeus.de