Berlin - Nebenan mahnen Kulissen an den Wiederaufbau der Bauakademie. Vor dem Staatsratsgebäude soll jetzt ein mächtiger Glaskubus entstehen. Der Stahlkonzern ThyssenKrupp will sich in der Hauptstadt mit einem gläsernen Würfel als innovativer Technologiekonzern präsentieren. Der Bau wäre ein Fremdkörper in der historischen Mitte Berlins.

Das Staatsratsgebäude der DDR sollte als historisches Baudenkmal unverstellt erhalten bleiben. Es fügt sich in Dimension, Stellung und Haltung wie selbstverständlich ein in das Ensemble der Staats- und Kulturbauten der Schloss- und Museumsinsel, das in gewandelter Gestalt seine Wiederauferstehung erlebt. Die von großen Baumeistern über Jahrhunderte geschaffene Raumkomposition ist ein zeremonielles Schauspiel hierarchischer Bauten: das Humboldtforum im Schlossgewand mit Schlossplatz, neuer Schlosspassage, Kuppel und Nationaldenkmal, das Alte Museum und der Berliner Dom am Lustgarten, Zeughaus und Bauakademie am Kupfergraben. Das Staatsratsgebäude, in einen modernen Klassizismus gekleidet, maskiert mit dem Eosander-Portal des Schlosses, von dem Karl Liebknecht die „freie sozialistische Republik“ ausrief, ist heute ein Mitspieler in diesem Theater historischer Haupt- und Staatsbauten. Es braucht einen freien unverstellten Vorplatz als Bühne. Im

Stadtbild Berlins zeugt das palastartige Gebäude von der 40-jährigen Geschichte des deutschen Teilstaates und vom Streben nach Anerkennung als „Berlin – Hauptstadt der DDR“.
Nach dem Mauerfall wurde das Staatsratsgebäude mit seinen weitläufigen Foyers und großen Sälen revolutionär umfunktioniert zum öffentlichen Bürgerforum, wo die Debatten zur Zukunft des wieder vereinten Berlins stattfanden, Architektur- und Städtebau-Wettbewerbe ausgestellt und unter großer Anteilnahme erörtert wurden. Der Bundesbauminister organisierte vom Staatsratsgebäude aus den Parlaments- und Regierungsumzug, dann residierte dort der Bundeskanzler, bis er ins neue Kanzleramt zog. Heute werden dort kapitalistische Manager ausgebildet; in der großen Treppenhalle kündet ein buntes Glaspanorama noch vom unaufhaltsamen Sieg des Sozialismus. Eines Tages sollte es wieder ein öffentliches Gebäude werden.
Die Vorstellung, mit dem Baukörper vor dem Staatsratsgebäude könnten vergangener Maßstab und verlorene Fluchten rekonstruiert werden, verkennt den ständigen Wandel der historischen Mitte schon vor der barbarischen Sprengung von Schloss und Bauakademie. Hier schießt das Planwerk Innenstadt über sein Ziel hinaus. Wie absonderlich ist es, die Straße An der Stechbahn, die einst Ritterspielen diente, durch einen gläsernen Bauklotz in Erinnerung rufen zu wollen. Die Stechbahn ist in den vergangenen Jahrhunderten wechselnden Repräsentationsbauten gewichen, bis das Staatsratsgebäude endgültig neue, Respekt verdienende Tatsachen geschaffen hat.