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BerlinDer Mann nebenan mit der lustigen Plauze mäht den Rasen. Also, er versucht es. Sein Sohn, ein Knirps mit Down-Syndrom und heller Stimme, stellt sich ihm immer wieder in den Weg. Er tut das, indem er ein zitronengelbes Gartenstühlchen, das er hinter sich her zieht, vor dem Vater aufbaut, sich hineinsetzt und mit leuchtenden Augen seinen gebrabbelten Protest verkündet. Sein Treiben ist so schlicht wie wirkungsvoll und die Reichstagsstürmer und Straßendemonstranten dieser Tage könnten sich bei diesem Kind etwas abschauen: So geht Blockade. So wird was aus der Revolution. Hier kann keiner wegsehen! Und alles völlig gewaltfrei. Irgendwann lässt der Mann den Rasen eben unrasiert und bedenkt seinen Nachwuchs mit einem Blick, der einem einzigen Streicheln gleichkommt. Mutter und Tochter stoßen hinzu und gemeinsam blickt man in die Abendsonne. Ein Bild vollendeten Friedens. Die Stadt senkt seufzend die Lider. Könnte es doch überall so sein.

Solche Familien, hat mal ein kluger Mann zu mir gesagt, seien das Rückrat der Gesellschaft. Völlig versunken in die kleine Gesellschaft nebenan stimme ich ihm zum hundertsten Mal bedingungslos zu. Ich bewundere diese Familien. Ich bewundere ihre Kraft, ihre Geduld und ihren Mut. Ich verneige mich vor ihrer Lebenstüchtigkeit, die sie sich durch kein Ungemach, kein Gerangel mit den Ämtern, durch keine strapaziösen Wanderungen durch Papiergebirge nehmen lassen. Ich ziehe den Hut vor ihrem Zusammenhalt, vor ihrer Fröhlichkeit und ihrem unbedingten Willen zur Leichtigkeit. Vor dem Absoluten ihrer Liebe zueinander.

Eine andere Bekannte, ebenfalls mit einem mongoloiden Kind, hat kürzlich einen jahrelang währenden Kampf um einen Begleithund für ihre Tochter gewonnen. Sie war sich nicht zu schade zum Klinkenputzen, nicht zu schade, in den Sozialen Netzwerken und Zeitungsinterviews um Hilfe zu bitten. Das Kind kann nun, begleitet von einem Freund mit Fell, allein zur Schule, zu Geburtstagsfeiern und einfach spazieren gehen. Außerdem ist das Mädchen nicht mehr so allein. Mit der Pubertät wird die Kluft zu den „normalen“ Kindern größer. Freundinnen, denen die Andersartigkeit der Gefährtin früher egal war, wenden sich ab. Nicht aus Boshaftigkeit. Die Interessen driften auseinander. Die Mehrheit lungert jetzt in der Drogerie herum und lackiert sich die Nägel. Das Mädchen mit dem Down-Syndrom lernt lesen.

Die Familie atmet auf. Immerhin sind sie zu fünft und die anderen Kinder haben auch Bedürfnisse. Beide Eltern sind Vollzeit berufstätig. Die Wohnung, noch lange nicht abbezahlt, haben sie nur gekauft, damit die Älteste sie irgendwann mit ihresgleichen als WG nutzen kann. Der Kredit wiegt schwer. Doch sie tragen das Gewicht mit einem echten Lächeln und erzählen lieber lustige Geschichten aus dem Alltag mit der Tochter. Wie schaffen die das nur? Das frage ich mich, wann immer ich vor meinen To-do-Listen fast kapituliere und jammern und lamentieren will angesichts der Zumutungen. Ich glaube, es ist Liebe. Und Rückgrat.