Berlin - Eine Woche nach der Geburt der Eisbärenzwillinge im Tierpark gab es am Donnerstag traurige Nachrichten: Auf den Videos, die eine Kamera aus der Wurfbox von Eisbären-Mutter Tonja und ihren zwei Neugeborenen liefert, ist seit Dienstag nur noch ein kleiner Bär zu sehen.

Der Tierpark geht deshalb davon aus, dass eines der Jungtiere gestorben und von der Eisbärin gefressen wurde. „Ich habe mir inzwischen fast das gesamte Bildmaterial angesehen und kann nun nahezu sicher sagen, dass nur noch ein Jungtier auf den Bildern zu sehen ist“, sagte Eisbären-Kurator Florian Sicks am Donnerstag.

Die Meldung, dass es zum ersten Mal seit 1994 wieder Eisbärennachwuchs im Berliner Tierpark gibt, hatte sich am Freitag vergangener Woche rasend schnell verbreitet. Die sechs Jahre alte Eisbärin Tonja, die 2013 mit dem etwas jüngeren Wolodja aus dem Moskauer Zoo nach Berlin gekommen war, hatte gleich doppelten Nachwuchs bekommen.

Für den Tierpark bedeutete das großes Glück: Schließlich hatte die Geburt von Eisbär Knut vor zehn Jahren im Zoo unter Beweis gestellt, dass kleine Eisbären echte Publikumsmagneten sind – und mehr Besucher kann der Tierpark gut gebrauchen. Weil aber Eisbären bei ihrer Geburt ausgesprochen winzig sind und ihre Sterblichkeit bei rund 50 Prozent liegt, gab man sich von Anfang an zurückhaltend. Kritisch seien die ersten 10 bis 14 Tage, man müsse abwarten, hieß es.

Normales Verhalten der Mutter

Doch ganz überraschend nahm Eisbärin Tonja ihre Mutter-Rolle gut an: Sie hielt die Winzlinge nah an ihrem Körper, sie wärmte sie und ließ sie trinken, und nach fünf Tagen meldete der Tierpark am Dienstag freudig: „5 Tage sind geschafft – die Kleinen sind weiterhin wohlauf!“ Doch eben jener Dienstag war auch der letzte Tag, an dem zuletzt zwei kleine Eisbären in der Wurfbox gesehen wurden. Allerdings war sich das Tierpfleger-Team sicher, beide Jungtiere nach wie vor zu hören.

Eisbärenkurator Florian Sicks machte sich deshalb in der Nacht zum Donnerstag daran, in dem umfangreichen Videomaterial nach dem zweiten Eisbären zu suchen. Viele Stunden saß er vor dem Monitor und betrachtete die unscharfen Bilder: War das ein zweites Beinchen oder doch nur das Fell von Mutter Tonja?

Da der große Rücken der Eisbärin meist den Blick auf die Kleinen versperrte, gab es lange Hoffnung, dass beide Jungtiere noch leben. Doch in einer Sequenz drehte sich die Eisbärin um ihre Achse und gab die Sicht auf den Boden der Wurfbox frei – und nur ein Jungtier war zu sehen. Damit wurde klar, dass das andere nicht mehr da ist. Stirbt ein Juntier, ist es normal, dass die Mutter den Kadaver frisst.

„Es heißt weiterhin: Daumendrücken und Abwarten.“

Im Tierpark wurden übrigens bei allen erfolgreichen Eisbären-Aufzuchten stets zwei Tiere geboren, stets überlebte nur eines von ihnen. Nun hofft man, dass wenigstens der zweite Bär durchkommt. Denn die Videoaufnahmen zeigen auch deutlich, dass das verbleibende Jungtier gut gewachsen ist. „Für uns wäre auch die erfolgreiche Aufzucht eines Jungtiers fantastisch“, sagte Tierpark- und Zoodirektor Andreas Knieriem.

Auch wenn die Sorge um das zweite Jungtier groß ist – die Geburt an sich sei eine großartige Nachricht für den Tierpark, erklärte Knieriem. Nun wisse man, dass beide Bären fruchtbar sind, dass Tonja gute Mutterinstinkte hat, und dass sie sich in der Wurfhöhle wohl und sicher fühlt. „Es heißt weiterhin: Daumendrücken und Abwarten.“