Berlin - Seit Tagen sind in Berlins Radiosendern Werbespots für einen Zoo zu hören. Sie sollen so richtig Lust machen auf einen Besuch – allerdings in Leipzig. Dass der sächsische Zoo ausgerechnet in einer Stadt wirbt, die gleich zwei Tiergärten hat, lässt den Schluss zu, dass man nicht viel von den Berliner Tierparks hält. Das verwundert nicht: Nach Eisbär Knut hat in der Vergangenheit kein Tier mehr von sich Reden gemacht – sondern nur ein Mensch: Bernhard Blaszkiewitz.

Der heute 59 Jahre alte Zoo- und Tierpark-Direktor steht seit 2008 immer wieder im Fokus der Aufmerksamkeit. Erst, als ihm ein Schimpanse den rechten Zeigefinger abbiss, dann, weil er Kätzchen getötet hatte und das „artgerecht“ nannte, danach, weil ihm Tierhandel vorgeworfen wurde, später wegen Pöbeleien gegen Mitarbeiter und Betriebsrat.

Demnächst beschäftigt sich der Aufsichtsrat der Zoologischer Garten AG mal wieder mit der Personalie Blaszkiewitz, dessen Vertrag als Zoochef Mitte 2014 ausläuft – oder vielleicht früher. Auf den ersten Blick mag es wie eine reine Personalentscheidung aussehen, tatsächlich aber geht es auch um die Frage, wie es mit Tierpark und Zoo weitergehen kann und ob Blaszkiewitz mehr schadet als nützt.

Wer einmal im Leipziger Zoo war, weiß, wie ein Tiergarten heute aussehen kann. Der innerstädtische Zoo drohte vor 15 Jahren aus Mangel an Attraktivität bedeutungslos zu werden. Die Stadt investierte 100 Millionen Euro, die Zahl der Besucher verdreifachte sich auf nun 2,1 Millionen. Hauptattraktion ist außer einer weltweit einzigartigen Menschenaffenanlage das Gondwanaland – eine zwei Fußballfelder große Tropenhalle, in riesige Palmen wachsen, durch die ein Fluss fließt und in der 90 Tierarten scheinbar ohne Zäune gehalten werden. Leitbild des Zoos ist ein „naturnaher, erlebnisorientierter Zoo“, der die Tiere „mit allen Sinnen… begreifen lässt“.

Gegner von „Spaßparks“

Bernhard Blaszkiewitz, der den Berliner Tierpark seit 1991 leitet und seit 2007 auch den Zoo, gilt aus ausgemachter Gegner von Spaßparks, wie er sie abfällig nennt. Dabei täten neue Ideen beiden Einrichtungen gut: Seit Jahren stagnieren die Besucherzahlen. Der Tierpark in Friedrichsfelde, 1955 gegründet und mit 160 Hektar Fläche fast fünfmal so groß wie der Zoo, ist bis heute auf finanzielle Unterstützung durch das Land Berlin angewiesen. Deshalb fordert das Abgeordnetenhaus mehr Attraktivität. Ideen gibt es seit 2006. Es existiert sogar ein Masterplan, doch ein trägfähiges und bezahlbares Konzept fehlt bis heute.

Während andere Zoos ihre Tiere inzwischen moderner präsentieren, neue Medien einbeziehen und die Besucher spielerisch unterhalten, ist in Berlin fast alles wie 1990. Bis heute gibt es im Zoo kaum kommentierte Fütterungen, im Tierpark gar nicht – andernorts ist dies üblich. Besucher des wirklich winzigen Tierparks in Bochum erhalten beim Eingang einen Zettel, auf dem alle Fütterungen vermerkt sind, und jede von ihnen wird kommentiert. Der nur zwei Hektar große Park zählt jährlich 300 000 Besucher. Der Tierpark, immerhin 80 Mal größer, hat gerade dreimal mehr Besucher.

Kritiker werfen Blaszkiewitz vor, Tiere zu „sammeln“, sie übermäßig Nachwuchs zeugen zu lassen und zu wenig für deren Beschäftigung zu tun. Tatsächlich hat sich der Tierbestand im Zoo seit 2007 um 50 Prozent erhöht. „Das meiste sind Aquariumstiere“, rechtfertigt der Biologe, der chemische Geburtenkontrolle wegen möglicher Nebenwirkungen für die Tiere ablehnt. Viele Geburten gab es in den vergangenen Jahren auch bei den Elefanten. Doch anders als bei anderen Tierarten beteiligen sich Zoo und Tierpark nicht am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für Dickhäuter, obwohl das den Artenschutz sichert und die Zucht kontrolliert.

Schon 2008 forderte der Senat, dass sich Blaszkiewitz bei der Elefantenhaltung den europäischen Gepflogenheiten anpasst. Hauptkritikpunkt: Die Tiere werden im direkten Kontakt mit den Pflegern gehalten. Zwar können sie bei Verletzungen direkt behandelt werden, aber zuvor müssen sie lernen zu gehorchen. Die Pfleger „unterstützen“ das mit einem kleinen Stock mit scharfer Spitze, der den Tieren auf den Kopf geschlagen wird. Sind die Elefanten im Haus, werden sie angekettet. Ein Umgang, der gefährlich ist für die Pfleger und darum nur noch selten praktiziert wird. Erst im April wurde ein Mitarbeiter von einem Elefanten verletzt. Blaszkiewitz reagierte am Donnerstag verärgert auf Nachfragen: „Haben Sie schon mal einen Elefanten gepflegt?“, polterte er. „Die Haltung können Sie mir schon überlassen.“

Alle Skandale überstanden

Veraltet ist auch die Beschilderung an den Gehegen im Tierpark: Die winzigen Schilder mit spärlichen Informationen stammen aus DDR-Zeiten. Der einzige mehrsprachige Satz lautet „Bitte nicht füttern“. Im Zoo ist es nur unwesentlich besser – obwohl dort die Hälfte der Besucher Touristen sind und viele aus dem Ausland. Danach befragt, verweist der Zoo-Chef auf mehrsprachige Schilder im Aquarium. Mitarbeiter erzählen, der Katholik Blaszkiewitz entgegne auf Kritik zu diesem Punkt gern: „Es gibt nur zwei wirkliche Sprachen – Deutsch und Latein.“

Dass Bernhard Blaszkiewitz ein Mann klarer Worte ist und als cholerisch gilt, bekommt vor allem die Tierpark-Belegschaft zu spüren – sei es im Betriebsrat, bei Versammlungen oder beim Rundgang durch den Park. „Es gibt Leute, die werden jeden Tag von ihm angeschnauzt“, sagt ein Insider. Die Vorgänge im Tierpark haben inzwischen einige Juristen auf den Plan gerufen: Sie haben die Belegschaft nach ihren Erfahrungen mit dem Chef befragt, der Bericht wird nun dem Aufsichtsrat zur Kenntnis gegeben.

Bernhard Blaszkiewitz, der schon als Kind Zoodirektor werden wollte, hat bislang jeden Skandal unbeschadet überstanden. Als bekannt wurde, dass er Mitarbeiterinnen als 0,1 bezeichnet hat – eine in der Zoologie übliche Kategorisierung für „Weibchen“ – entschuldigte er sich bei der Belegschaft. In einem Interview erklärte er danach, dass er seine Meinung immer ehrlich sage. „Das gefällt nicht jedem. Aber man kann sich herrlich mit mir auseinandersetzen.“