Der illegale Handel mit Tierbabys boomt.
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BerlinWer sich ein Haustier zulegen möchte, wird heutzutage auf Webseiten mit Kleinanzeigen schnell fündig: Allerlei Tiere werden hier angeboten, vor allem Hundewelpen. Der Online-Handel mit den Tierbabys boomt. Und längst sind nicht mehr nur Hunde das Ziel skrupelloser Geschäftemacher. Inzwischen haben es immer mehr Händler auch auf Katzen abgesehen. Der Berliner Tierschützer Stefan Klippstein beschäftigt sich seit Jahren mit den Geschäftspraktiken der Händler. Und warnt nun vor einer neuen Masche.

Dass der illegale Welpenhandel gerade in Berlin und aufgrund der Nähe zur polnischen Grenze boomt, ist seit Jahren bekannt. Klippstein, 36 Jahre alt, macht immer wieder auf die Probleme aufmerksam. Und hat seinen eigenen Weg gefunden, gegen den Handel mit Tieren zu kämpfen: Er kontaktiert Anbieter von Tieren im Netz, manchmal selbst, manchmal mit der Hilfe von Lockvögeln. Er gibt vor, Interesse an einem Tier zu haben. Wenn die Übergabe stattfindet, holt er die Polizei hinzu, um die illegalen Händler dingfest zu machen. Durch die Corona-Krise habe sich die Lage momentan verschärft, sagt er der Berliner Zeitung. Seit im polnischen Slubice, einem der Hauptumschlagplätze für Tierbabys, ein Corona-Ausbruch für Schlagzeilen sorgte, sind Tierhändler hier nicht mehr gern gesehen. „Das Geschäft hat sich damit ins Internet verlagert“, sagt Klippstein.

Stefan Klippstein warnt seit Jahren vor den Praktiken der Tier-Händler.
Foto: Berliner Zeitung/Sabine Gudath

In den letzten Monaten lag Klippsteins Fokus auf dem Handel mit Katzen. „In Berlin gibt es kaum Katzen-Nachwuchs, weil nicht so viele Tiere Freigänger sind. In Polen ist das anders: Hier leben Katzen, oft unkastriert, auf Bauernhöfen auf dem Land“, sagt Klippstein. Die Tiere können sich unkontrolliert vermehren. „Die Bauern wollen die Katzen loswerden, also gibt es zwei Möglichkeiten: Totschlagen oder verschenken.“ Das Bewusstsein für Haustiere sei dort oft nicht vorhanden, der Geldbeutel zu klein für Tierarzt-Besuche. Tierhändler nutzen das aus: Sie klappern die Höfe ab, bekommen Katzen-Kinder geschenkt, verkaufen sie in Berlin weiter. Preise zwischen 120 und 200 Euro werden aufgerufen. In Berlin seien die Hauptumschlagplätze die Bezirke Neukölln, Reinickendorf, Wedding und Spandau – teilweise werden Hunde und Katzen an U-Bahnhöfen verkauft. „Und inzwischen gibt es sogar Händler, die liefern“, sagt Klippstein.

Die Verkäuferin lieferte den Rassekater wie eine Pizza

Eine, die mit den dubiosen Praktiken Erfahrungen sammeln musste, ist Petra Mallabar. Die Berlinern, 54 Jahre alt, fiel auf eine Händlerin herein - und kaufte einen schwer kranken Kater. Sie sei immer Katzen-Fan gewesen, erzählt sie. Im vergangenen Jahr wollte sie einem der Tiere ein Zuhause geben. Eine Maine-Coon-Katze sollte es sein, eine beliebte Rasse. „Ich kaufte sie bei einer Händlerin auf Ebay – alles lief wunderbar“, sagt sie. Skylar – so der Name des Tiers – fühlte sich in Mallabars Wohnung in Reinickendorf wohl. „Ihr wurde mit der Zeit nur etwas langweilig“, sagt die 54-Jährige. „Also wollte ich ihr einen Spielgefährten besorgen.“

Petra Mallabar mit ihrem Maine-Coon-Kater Balou. Das Tier leidet noch heute unter einer chronischen Darmentzündung.
Foto: Berliner Zeitung / Sabine Gudath

Erneut suchte Mallabar auf Ebay. Ins Tierheim ging sie nicht, „denn dort findet man nur selten Rassekatzen“, sagt sie. Im Internet entdeckte sie ein Angebot, in dem es um Kater Balou ging, der jetzt ausgestreckt auf ihrem Teppichboden liegt. „Ich nahm Kontakt zu der Verkäuferin auf. Sie bot an, den Kater direkt zu mir zu bringen“, sagt sie. Kurze Zeit später kam die Frau vorbei, Balou im Gepäck. „Wir unterhielten uns, sie zeigte mir sogar einen angeblichen Stammbaum – ich bin sicher, dass er gefälscht war.“ Ein Jahr ist es her, dass Mallabar ihn zu sich holte. Bis heute hat das zutrauliche Tier noch an den Folgen zu leiden, unter denen es aufwuchs.

Kater Balou leidet unter einer schweren Darmentzündung

Zu verliebt war die Katzenhalterin in das Tier. 350 Euro bezahlte sie für den Kater – wenig für eine Rassekatze. „Mir fiel erst auf, dass etwas nicht stimmte, als die Verkäuferin wieder weg war. Sie hatte das Geld nicht gezählt, einen Kaufvertrag hatte ich auch nicht. Als ich sie anrufen wollte, ging niemand ans Telefon, Tage später war die Nummer tot.“ Balou wurde krank, litt unter schlimmem Durchfall. „Ich ging mit ihm zum Tierarzt – dort wurde festgestellt, dass er unter Giardien litt.“ Parasiten, die sich im Dünndarm von Katzen festsetzen. „Und er war statt der angegebenen zwölf Wochen erst fünf Wochen alt.“ Die Infektion wurde behandelt, noch heute leidet Balou unter einer chronischen Darmentzündung. Zu den 350 Euro kamen inzwischen mehr als 1000 Euro Tierarzt-Kosten. „Außerdem kann er nur ein besonderes Spezialfutter bekommen, das kostet mich rund 50 Euro im Monat“, sagt Petra Mallabar.

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So ist es oft, wenn Tierbabys verkauft werden, erklärt Klippstein. „Ich habe das selbst ausprobiert, war auf polnischen Bauernhöfen und habe zweimal Katzen abgeholt. Sie waren alle verwurmt, verfloht, hatten Darmkeime“, sagt Klippstein. Zwar gebe es vereinzelt Grenzkontrollen, durch Corona sogar mehr als vorher. „Aber der Fokus liegt kaum auf Tieren, eher auf anderen Dingen.“ Die Händler fliegen deshalb oft nicht auf. Darüber, wie viele Tiere so jeden Monat über die Grenzen gelangen, kann deshalb nur gemutmaßt werden – zwar gibt es etwa seitens des Deutschen Tierschutzbundes Statistiken, demnach wurden im Jahr 2018 etwa insgesamt 84 Fälle von illegalem Transport oder Handel mit insgesamt 989 Heimtieren bekannt.

Die Kätzchen werden teils unter unwürdigen Bedingungen vermehrt und gehalten.
Foto: Stefan Klippstein

Die Dunkelziffer dürfte aber weit höher liegen. „Allein anhand der Anzeigen auf Kleinanzeigenseiten könnte man sagen, dass jede Woche rund 150 Katzen verkauft werden“, sagt Klippstein. In den Verkaufsangeboten werde noch dazu schamlos gelogen. „Es wird vorgegeben, dass die Kätzchen in der eigenen Wohnung liebevoll aufgezogen wurden – doch das ist nicht wahr“, so Klippstein. Noch dazu passen die Händler ihre Verkaufstaktiken immer weiter an. „Wenn in Zeitungsartikeln davor gewarnt wird und Tierschützer sagen, die Käufer sollen sich vor einem Kauf das Muttertier zeigen lassen, wird eben ein falsches Muttertier vorgeführt.“

Tierschutzorganisationen warnen vor dem Geschäft mit Tierbabys

Auch Tierschutzorganisationen warnen vor dem Handel mit den Tierbabys. „Der illegale Tierhandel aus Osteuropa betrifft leider nicht nur Millionen Hunde-, sondern auch Katzenwelpen“, berichtet Daniela Schneider, Heimtier-Expertin bei „Vier Pfoten“. Die Kätzchen würden oft auch unter schlechten Bedingungen vermehrt, viel zu früh von ihren Müttern getrennt. „Zum Wohl des Tieres sollten Kätzchen erst mit 12 Wochen von ihren Müttern getrennt werden, doch häufig werden sie schon mit vier oder fünf Wochen weiterverkauft. Zu diesem Zeitpunkt ist weder die Grundimmunisierung gegen Krankheiten abgeschlossen, noch hatten die Kleinen ausreichend Zeit, richtiges Sozialverhalten zu lernen. Die Folge sind schwache, verängstigte Tiere.“

Auch Lea Schmitz, Sprecherin des Tierschutzbundes, warnt: „Kauft man ein Tier aus dubiosen Quellen, beispielsweise eine Katze, die von einem polnischen Bauernhof stammt, kann es passieren, dass das Tier noch zu jung ist, dass es krank ist, weil notwendige Impfungen oder Entwurmungen nicht durchgeführt wurden oder dass das Tier in der wichtigen Prägephase nicht ausreichend Kontakt zu Menschen hatte. Zudem unterstützt man damit einen dubiosen Tierhandel, wo nicht das Wohl der Tiere, sondern Profit im Vordergrund steht.“

Die Tierschützer kämpfen schon lange gegen den Handel auf Online-Plattformen. Man solle „wirksame Maßnahmen einführen, mit der Händler verifiziert und die Herkunft aller Tiere zurückverfolgt werden kann“, sagt Schneider. Wer ein Haustier möchte, solle sich besser im Tierheim umsehen. „Denn hier kann man das Tier in Ruhe kennenlernen und schauen, ob der Charakter zu einem passt.“ Auch Klippstein rät zum Tierheim-Besuch. Denn wer eine Katze als Haustier haben will, unterschätze oft, was für organisierte Geschäftsleute hinter dem Welpenhandel stecken. „Aber es soll in den meisten Fällen einfach schnell gehen. Die Tierheime sind voller Katzen – aber hier ist die Tiervermittlung zurecht oft an Bedingungen geknüpft, die der zukünftige Halter erfüllen muss. Außerdem wird hier oft Wert darauf gelegt, dass sich Halter und Tier erst einmal kennen lernen. Das kostet vielen einfach zu viel Zeit.“ Gefährlich wird es, wenn die gehandelten Katzen an Krankheiten leiden, die sich im neuen Haushalt auf bereits dort lebende Tiere übertragen können. „Man kann in jedem Fall nur davon abraten, ein Tier über Kleinanzeigen-Seiten im Internet zu kaufen“, sagt er.

Mallabar ärgert sich, dass sie der Verkäuferin auf den Leim ging. „Nachdem bei meiner ersten Katze alles gut geklappt hatte, war ich zu blauäugig“, sagt sie. „Aber ich will Balou trotzdem nicht mehr hergeben. Wenn ein Kind krank ist, gibt man es ja auch nicht einfach weg. Mir tut es einfach leid, dass Tiere so etwas durchmachen müssen – an den Folgen wird der Kater noch sein ganzes Leben leiden.“ Noch heute sehe sie immer wieder, dass Balous Bauch plötzlich zuckt. „Daran erkenne ich, dass er Krämpfe hat.“ Den  skrupellosen Verkäufern wirft sie vor:  „Denen geht es nur um ihren Profit.“