Teltow - Beim Spaziergang durch den Park verzückt auch die Berliner kaum etwas so sehr wie an Bäumen emporkletternde Eichhörnchen – die Nager mit den buschigen Schwänzen sind einfach zu putzig. Doch: Damit könnte bald Schluss sein, warnt eine Brandenburger Tierschützerin. Tanya Lenn betreibt seit 20 Jahren eine Auffangstation für verletzte und verwaiste Hörnchen. Sie sieht auf die Tiere massive Probleme zukommen. Denn: Alle lieben Eichhörnchen, doch zu wenige helfen den Nagetieren.

Wer Tanya Lenn, 56, in ihrem Domizil im brandenburgischen Teltow besucht, erlebt einen Spagat, wie er größer nicht sein könnte. Ein gemütliches Häuschen, im Garten eine riesige Voliere, Wände aus Drahtgeflecht. Darin tummeln sich rund 40 Eichhörnchen. Sie hüpfen umher, klauen sich Haselnüsse von kleinen Tellern, sie klettern an Wänden und einmal sogar am Bein des Reporters empor. Es ist die konzentrierte Niedlichkeit.

Drinnen, in der angeschlossenen Küche, sitzt Lenn – und man erwartet nun, dass sie fröhliche Geschichten über Eichhörnchen erzählt. „Aber das, was man beobachtet, ist für unsereins unglaublich schmerzvoll und kaum auszuhalten“, sagt sie. „Man muss es als Tierschützer erst mal emotional verkraften, dass die Hörnchen, die man bekommt, dem Tod geweiht sind. Und das aufgrund der von Menschen gemachten Probleme.“ Der Mensch müsse begreifen, dass er die Natur schützen muss. „Wenn es so weitergeht, werden die nächsten Generationen Eichhörnchen nur noch aus Bilderbüchern kennen.“

Foto: Gerd Engelsmann
Tanya Lenn kümmert sich liebevoll um ihre Pflege-Eichhörnchen.

Seit 20 Jahren betreibt Lenn zusammen mit anderen ehrenamtlichen Helfern und unterstützt von der Aktion Tier in Teltow eine Notstation für Eichhörnchen. Alles begann mit einem Hörnchen-Baby, das sie von einer Freundin bekam. Sie habe sich immer im Tierschutz engagiert, wollte dem verwaisten Eichhörnchen helfen. „Ich wusste zuerst gar nichts über die Tiere, hatte aber eine Tierärztin, die mich unterstützte“, sagt sie. „Nach drei Tagen war ich dem Charme des Hörnchens verfallen.“ Sie päppelte es auf – und lernte: Zwar sind Eichhörnchen beliebt, werden sogar in der Werbung genutzt. „Jeder meint, sie zu kennen, aber so ist es nicht.“ Sie beschloss, sich weiter mit den Tieren zu befassen. „Ich sehe mich als Sprachrohr der Hörnchen.“

Im Garten entstand über die Jahre eine große Voliere. Immer wieder ziehen hier Eichhörnchen ein, die in Notsituationen geraten sind. Lenn und ihre Helfer päppeln sie auf, bis es ihnen gesundheitlich gut geht, bis sie wieder in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen. „Dann kommen sie in Auswilderungsvolieren in Gärten von anderen Hörnchen-Freunden überall in Brandenburg, wo sie sich wieder an die freie Natur gewöhnen können.“ Rund 1800 Hörnchen hat sie so retten und wieder in die Wildnis entlassen können. Inzwischen hat sie einen Verein gegründet, die Arbeit finanziert sich über Spenden. Als sie begann, habe es noch nicht viele Auffangstationen gegeben, sagt sie. „Das hat sich zum Glück geändert.“

Wenn es so weitergeht, werden die nächsten Generationen Eichhörnchen nur noch aus Bilderbüchern kennen.

Tanya Lenn, Tierschützerin

Denn die Arbeit sei nötiger denn je. Die Tierschützerin beobachtet: Den Eichhörnchen geht es nicht gut. „Wir haben keine richtigen Winter mehr, deshalb können sie keine Winterruhe mehr halten“, sagt Lenn. „Aber sie brauchen sie, damit sich ihr Stoffwechsel regeneriert und sie Reserven anlegen können.“ Stattdessen seien die Tiere den ganzen Winter über aktiv, fänden dann aber nicht genug Futter. Noch dazu werden Bäume gefällt, die Lebensräume der Tiere von den Menschen vernichtet. Die Folge: „Die Eichhörnchen kommen nicht mehr zur Ruhe, haben keine Widerstandsfähigkeit mehr und werden leichter von Krankheiten befallen.“ So, sagt Lenn, beginne das Aussterben von Tieren. „Sie werden schwächer, können ihre Jungen nicht mehr richtig aufziehen. Wir haben Eichhörnchen, deren Kraft nicht einmal mehr zum Trinken reicht.“

Im Frühjahr werden besonders viele hilfsbedürftige Hörnchen gefunden – in diesem Jahr dürften es durch die coronabedingte Lust am Spazierengehen vermutlich mehr als sonst werden, meint Lenn. Deshalb appelliert die Tierschützerin an alle, mit offenen Augen durch die Natur zu gehen. „Es kommt immer wieder vor, dass junge, verwaiste Eichhörnchen dem Menschen hinterherlaufen. Jedem muss bewusst sein: Wenn sie das tun, ist das ein letzter Hilferuf. Wenn dem Tier nicht geholfen wird, wird es sterben.“ Ängste seien fehl am Platz: „Viele Menschen entwickeln heute richtige Phobien. Das ist Quatsch. Eichhörnchen übertragen keine Krankheiten auf den Menschen. Wenn ein Hörnchen einem Spaziergänger folgt, dann definitiv nicht, weil es Tollwut hat.“

Erst Anfang Januar kam dieses Hörnchen in die Station.

Quelle: Facebook/Eichhoernchen-Hilfe Berlin

Lenn rät, das Jungtier mit nach Hause zu nehmen, es in eine Box zu packen, ein kleines Nest zu bauen. „Dazu sollte eine Wärmflasche gelegt werden, denn die Hörnchen sind oft völlig ausgekühlt.“ Dann brauche das Tier Ruhe. „Wer damit spielen will, weil es so niedlich ist, der riskiert, dass es vor Erschöpfung stirbt.“ Danach sollten Betroffene sich bei Experten informieren, etwa bei einer Eichhörnchen-Auffangstation. „Wenn ein Hörnchen so gefunden wird, hängt sein Leben am seidenen Faden. Aber erfahrene Tierschützer wie ich helfen und beraten gern“, sagt Tanya Lenn. Informationen und Notrufnummern gibt es im Netz etwa auf der Seite „Eichhörnchen in Not“ oder beim Verein Eichhörnchen-Hilfe Berlin/Brandenburg.

Auch ohne akuten Notfall kann jeder etwas zur Rettung der Hörnchen beitragen. Etwa Wasserschalen im Freien aufstellen – das tue allen Tieren gut, so Lenn. „Gartenbesitzer können zum Beispiel Haselnusssträucher pflanzen, Regentonnen abdecken oder aber Laubhaufen anlegen, das hilft auch Igeln.“ Falls ein Eichhörnchen sein Nest im Blumenkasten auf dem Balkon gebaut und dort Jungtiere zur Welt gebracht hat, ist das auch kein Grund zum Verzweifeln. „Es rufen immer wieder Leute bei uns an, die das Hörnchen entfernt haben wollen. Bitte lassen Sie die Tiere in Ruhe. Erfreuen Sie sich daran, dass Sie dem Hörnchen einen sicheren Unterschlupf bieten können. Nach sechs Wochen wird die Mutter mit ihren Kindern einen neuen Unterschlupf suchen.“ Lenn hofft, dass sich noch mehr Leute für die Hörnchen einsetzen, besser auf die Natur achten. „Denn noch gibt es die Tiere.“