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Sie sind schon da, als der Besuch kommt. Fünf Frauen und ein Mann haben ein Transparent entrollt. Sie lehnen an ihren Autos, die sie quer vor die Einfahrt zur ehemaligen Schweinemastanlage Haßleben (Uckermark) gestellt haben. Der kleine Aufmarsch ist nicht etwa ein Protest gegen die Missstände in der Massentierhaltung. Nein, auf dem Plakat seht „IG PRO Schwein“. Und: „Schweine bringen Arbeit und sozialen Frieden“. Dazu eine glücklich aussehende rosa Sau mit Schlappohren. Der kleine Aufmarsch ist der Protest gegen den Protest.

Sabine Niels ist aus Potsdam gekommen. Sie ist Landtagsabgeordnete der Grünen und macht eine Sommertour, und die führt sie auch nach Hassleben. Denn dort war einst die größte Schweinemastanlage der DDR, die ein Holländer seit Jahren wiederbeleben will. Vor der recht baufälligen Anlage hat sich Sabine Niels mit Thomas Volpers verabredet. Er ist Vize-Landeschef der Naturschutzorganisation BUND und Sprecher der örtlichen Bürgerinitiative „Kontra Industrieschwein“.

Das Thema: Der aktuelle Stand beim Zulassungsverfahren. Einst standen in den Ställen 150.000 Tiere. Der niederländische Investor Harrie van Gennip plante einen Neubeginn mit 67.000 Schweinen. Weil es aber Probleme mit der Genehmigung gab, haben er und sein Berater Helmut Rehhahn, früher Agrarminister in Sachsen-Anhalt, die Pläne überarbeitet.

Gegen Gestank und Laster

Statt große Schweinen sollen jetzt 37.000 Ferkel in die Ställe. Sie verursachen weniger Immissionen. So könnte die drohende Ablehnung des Antrags verhindert werden.

„Das ist nach wie vor völlig überdimensioniert“, sagt Sabine Niels. Die 39-Jährige war selbst jahrelang Bäuerin und kämpft gegen Massentierhaltung. Niels und Volpers kritisieren, dass die Genehmigungsbehörde, das Landesumweltamt, einen Änderungsantrag des Investors akzeptiert hat. „Das Verfahren ist jetzt fast zehn Jahre alt“, sagt Volpers. „Die Untersuchungen zum Natur- und Artenschutz in der Umgebung sind nicht mehr aktuell. Es müsste neu beantragt werden.“

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Das Landesumweltamt bestätigt, dass der Antrag angenommen wurde, will sich aber unter Verweis auf das laufende Verfahren nicht äußern. Eine Entscheidung wird wohl erst im nächsten Jahr fallen.

Den Gegnern geht es unter anderem um ein geschütztes Moor in der Nachbarschaft, das durch Ammoniakaustragungen der Anlage stark gefährdet wäre. Ein Gutachten des Kreises Uckermark bestätigt das. Auch vor Gestank, Grundwasserverschmutzungen und zunehmenden Verkehrslärm durch die Futter-, Mist- und Schweinetransporter wird gewarnt. „Die Leute werden sich noch umgucken, wenn sie merken, wie viele Laster hier durch den Ort donnern“, sagt Sabine Niels.

„Die Leute“ – damit meint sie zum Beispiel die Befürworter der Mastanlage mit ihren Transparenten. Warum geht Niels nicht einfach mal hin und spricht mit ihnen? „Das bringt nichts. Die Tatsachen werden da schlicht geleugnet“, sagt sie.

Kein Garant für Tierschutz

Tatsächlich ist es schwer, mit den Leuten der „PRO Schwein“-Fraktion ins Gespräch zu kommen. Erst wollen sie gar nicht reden, dann doch ein bisschen. Fast ganz Haßleben sei dafür, dass der holländische Investor hier seine Schweine mästen darf, behaupten sie. „Die Gegner sind doch alles Zugereiste, die hier keine Jobs brauchen.“ Es geht ihnen um Arbeitsplätze.

Einige der Frauen haben früher hier gearbeitet. Sie sind genervt, dass das Verfahren so lange dauert. „Man könnte ja Bio drüber schreiben, dann läuft’s“, sagt eine Frau. Es klingt wie ein Schimpfwort, wenn sie „Bio“ sagt. Der einzige von „PRO Schwein“, der seinen Namen nennt, ist Timo Mende – Ortsvorsteher, CDU-Mann, Feuerwehrchef. Der gelernte Fleischer will die Anlage, räumt aber ein, dass der Gestank früher groß war. „Da ist uns schlecht geworden,“ sagt der 38-Jährige. „Und der Wald ist kaputt gegangen.“ Eine Frau ruft: „Der Wald steht, der ist nicht kaputt.“

Wir reden hier von Kuhkomfort

Von ethischen Bedenken gegen die Massentierhaltung wollen diese Leute nichts wissen. „Wir reden hier von Kuhkomfort“, sagt eine ältere Frau. Die Schweine hätten früher „sogar Spielsachen gehabt“, Tierärzte seien ein- und ausgegangen, alles sei kontrolliert worden.

Glaubt man den Gegnern, dann ist van Gennip alles andere als ein Garant für Tierschutz. Auf ihrer Internetseite zeigt die Initiative „Kontra Industrieschwein“ ein Video, das einen Schweinstall des Holländers in Sachsen-Anhalt zeigen soll. Der Film sei von von Tierschützern aus Nordrhein-Westfalen gedreht worden und zeigt Schweine, die unter sehr fragwürdigen Bedingungen leben.

In einem Stall ohne Tageslicht liegen sie ohne Stroh, zum Teil verletzt, auf den umstrittenen „Spaltenböden“. Das ist ein Untergrund aus Planken mit Lücken, durch die Kot und Urin durchrutschen sollen. Viel Kot ist zu sehen und massenhaft Würmer, die den Boden darunter förmlich bedecken. Van Gennip selbst behauptet in dem Video, die Tiere würden sich wohlfühlen.

Hoffen auf das Jobwunder

„Vielen fehlt das Verständnis dafür, dass das Lebewesen sind“, sagt Sabine Niels. Leider gelte das auch für viele Politiker, „die gar nicht mehr in diese Betriebe gehen, weil keiner sehen will, was da passiert“. Erst im April waren die Grünen im Landtag mit einem Antrag gescheitert, wonach die Regierung sich auf Bundesebene für die Abschaffung des Mastanlagen-Bauprivilegs und die Einführung eines Tierschutzlabels einsetzen sollte. Alle anderen Fraktionen stimmten dagegen.

Wer sich von den Schweinen das große Jobwunder erhofft, könnte enttäuscht werden. 35 Jobs soll der Holländer versprochen haben, aber selbst dafür gibt es keine Garantie. „In der Branche werden schlimmste Dumpinglöhne bezahlt“, sagt Sybilla Keitel von den Gegnern. Immer wieder hätten sie mit Plakaten auch darauf aufmerksam gemacht. „Aber die wurden von den Befürwortern immer wieder abgerissen“, sagt sie.

Im Dorf steht jetzt nur noch ein Plakat. Darauf prangt das rosa Schwein mit Schlappohren.