Berlin - Berlin ist ein herausragender Standort der biomedizinischen Forschung in Deutschland. Ob Krebs, Infektionskrankheiten oder Alzheimer – aus der Arbeit der Wissenschaftler erhoffen sich viele Menschen neue Ansätze für Therapien. Aber die Hoffnung hat auch eine Kehrseite: Neue Medikamente und Therapien werden an Tieren erprobt. Und rund zehn Prozent aller deutschen Tierversuche finden in Berlin statt. Jährlich stellen Forscher fast 400 Anträge auf neue Versuche.

Am Campus Berlin-Buch drehen sich zur Zeit die Kräne. Baulärm erfüllt die Luft. Schon im nächsten Jahr soll das Gebäude fertig sein, das die Charité hier errichtet. Es bekommt eine direkte Verbindung zu einem zweiten Neubau, der für das Max-Delbrück-Centrum (MDC) entsteht. Doch es werden keine Patienten sein, die in die neuen Häuser ziehen, sondern Versuchstiere – und zwar Zehntausende Mäuse und Ratten.

Die Charité ersetzt mit ihrem Neubau ein altes Tierhaus am Campus Benjamin Franklin, das nach den tierschutzrechtlichen Standards nicht mehr zu sanieren war. Der Senat fördert die neuen Anlagen mit 60,8 Millionen Euro. Das brachte ihm große Kritik ein, und zwar von Tierversuchsgegnern, die der Meinung sind, dass Forschung künftig mit weitaus weniger Versuchen an Mäusen, Ratten und anderen Tieren auskommen sollte. Berlin brauche keine neuen „Mäusebunker“ – so wird das bisherige Tierversuchslabor des Campus Benjamin Franklin wegen seiner festungsartigen Beton-Architektur genannt. Zu den Gegnern des Ausbaus gehört unter anderem die Initiative „Ärzte gegen Tierversuche“, die fordert, das Geld lieber in alternative Methoden zu investieren.

Moderne Räume statt dunkle Bunker

Die Politik hat das Problem erkannt. Zu oft stand in Schlagzeilen, Berlin sei die „Hauptstadt der Tierversuche“. Allein im Jahre 2014 fanden hier fast 260 000 Tests statt. Dass sich hier grundlegend etwas ändern muss – darüber sind sich viele Politiker und Forscher im Klaren. Im Berliner Koalitionsvertrag steht: „Die Koalition wird sich für die Einschränkung von Tierversuchen einsetzen und verstärkt tierversuchsfreie Forschungsmethoden fördern.“

Seit 2014 fördert das Bundesforschungsministerium bereits eine Berlin-Brandenburgische Forschungsplattform, die etabliert wurde, um andere Wege zu finden und Nachwuchswissenschaftler dafür auszubilden. Der Berliner Senat finanziert mit 400 000 Euro eine neue Professur zur „Erforschung von Alternativen für Tierversuche“. Sie wurde im vergangenen Jahr an der Freien Universität (FU) Berlin vorgestellt und soll noch in diesem Jahr besetzt werden.

Dass dennoch zwei neue Tierversuchsanlagen auf dem Campus Berlin-Buch gebaut werden, begründet Thomas Heilmann, der Senator für Justiz und Verbraucherschutz, folgendermaßen: „Solange in vielen Bereichen Tierversuche noch unvermeidlich sind, sollen die Tiere in modernen Räumen untergebracht werden, statt in dunklen Bunkern.“ Man fährt sozusagen eine Doppelstrategie. Wobei bereits die Neubauten erste Verbesserungen bringen sollen. Schon die Verbindung der beiden Forschungsgebäude von Charité und Max-Delbrück-Centrum (MDC) soll dazu führen, dass weniger Versuchstiere benötigt werden. Indem die Forscher enger zusammenarbeiten, können sie Parallelzuchten vermeiden und Tiere in mehreren Versuchsreihen verwenden.

Verringern, verfeinern, ersetzen

Der Tierschutzbeauftragte am MDC, Boris Jerchow erklärt: „Bei nicht invasiven Versuchen, also wenn die Mäuse oder Ratten danach nicht seziert werden müssen, wollen wir künftig beispielsweise statt drei Versuchsgruppen nur noch eine verwenden.“ Die Tiere würden mittels Ultraschall untersucht und mehrfach eingesetzt – in verschiedenen Versuchsreihen.

Am Max-Delbrück-Centrum gelte – wie auch an allen anderen Berliner Instituten – die sogenannte 3-R-Regel, eine Formel aus den drei englischen Begriffen Reduce, Refine und Replace. Übersetzt bedeutet das: verringern, verfeinern und ersetzen. Die Zahl der Versuche und der verwendeten Tiere soll so gering wie möglich gehalten werden. „Wann immer möglich, setzen wir Ersatzmethoden ein, und wir minimieren Schmerzen oder Leid für die Tiere“, sagt Boris Jerchow. Auch die heute üblichen Tiertransporte könnten entfallen, wenn die Tierhaltungen von Charité und MDC künftig so dicht beieinander liegen und sogar ein gemeinsames Infrastrukturgebäude teilen.