Berlin-Lichtenberg - Wohnst du noch oder lebst du schon? Auf dem Parkplatz von Ikea in Lichtenberg bekommt der bekannte Werbespruch der schwedischen Möbelkette am Mittwochmorgen eine ganz neue Bedeutung. Denn Wohnen und Leben sind nun mal nicht dasselbe. Und wer das missachtet, wird bestraft. Parkplätze sind Gewerbeflächen, nach deutschem Recht darf dort niemand übernachten und schon gar nicht wohnen. „Aber leben dürfen wir hier schon“, sagt der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel und lächelt vergnügt.

Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel befürwortet mobile Gemeinschaften auf Parkplätzen

Es ist ein sonniger Vormittag, auf dem Parkplatz an der Landsberger Allee knattern die Möbelhaus-Fahnen im Wind und ständig kommen neue Kunden. Fußgänger und Autofahrer. Alle schauen zu den schicken Minihäusern, die nicht zu übersehen sind. An einer Ecke des Kundenparkplatzes, gleich neben der Einfahrt, steht jetzt eine kleine Wohnsiedlung auf Rädern. „Tiny House Ville“ hat Van Bo Le-Mentzel am Morgen mit Kreppband auf ein Schild geklebt. Die erste Minihaus-Dorfgemeinschaft in Deutschland soll an dieser Stelle entstehen.

Es geht um das Wohnen der Zukunft, um akzeptable Alternativen zu den ständig steigenden Mieten in der Stadt, um Verdrängung, Gentrifizierung und Migration – „um die vielen ernsthaften Themen der Stadt“, sagt Van Bo Le-Mentzel.

Der Berliner Architekt, Initiator und Leitfigur der deutschen Tiny-House-Bewegung, würde solche mobilen Minihaus-Gemeinschaften wie sie in Lichtenberg entsteht, am liebsten auf weiteren Brachen und Parkplätzen in der ganzen Stadt errichten. „Wir haben so viele Parkplätze in Berlin, sie befinden sich in den besten Lagen, doch es sind graue Wüsten. Dort stehen nur Autos“, sagt er. Anwohner sollen diese Stellflächen für Supermarktkunden jetzt auch nachts benutzen dürfen, weil Parkplätze fehlen, fordert die Berliner CDU. Immerhin.

Minihäuser stehen bereits an vielen Orten Berlins

Bisher verbietet das deutsche Recht dort eine andere Nutzungsform als Parken. Doch ausprobieren wollen Le-Mentzel und seine Mitstreiter der Tiny-House-Stiftung trotzdem, ob sich Parkplätze eignen, „menschenwürdigen Wohnraum zu schaffen“, wie es Le-Mentzel nennt. Zwei Jahre läuft die Testphase, Ikea genehmigt das Experiment vorerst bis zum Sommer. „Wir sind Gastgeber“, sagt Marketing-Chef Daniel Zellmer. 15 Parkbuchten stellt Ikea zur Verfügung, die Ikea-Stiftung hat zwei Minihäuser mitfinanziert.

Die Initiatoren um Van Bo Le-Mentzel beschäftigen sich bei ihrem Parkplatz-Projekt mit grundsätzlichen Fragen: Wie viel Wohnraum braucht der Mensch? Wo beginnt ein würdevolles Leben? Reichen Bett, Küche und Bad? Sind sechs Quadratmeter Wohnfläche genug? Manche Minihäuser sind nur so groß. „Uns fehlt die Vorstellungskraft, wie wir intelligent mit Wohnraum umgehen“, sagt Van Bo Le-Mentzel. Immer noch verhindert dogmatisches Denken, neue Ideen für radikale Raumkonzepte zu entwickeln.

Seit vielen Jahren entwickelt der 40-Jährige seine Visionen und liefert die praktischen Beweise. Er hat Hartz-IV-Möbel entworfen, ausbeutungsfrei produzierte Turnschuhe verkauft, moderne Minihäuser gebaut und sie an vielen Orten, etwa an der Urania in Berlin und am Bauhaus in Dessau, aufgestellt. Mit Flüchtlingen gründete er eine Tiny-House-Universität, er bietet Workshops zum Bau solcher High-Tech-Hütten an.

Van Bo Le-Mentzel verhandelt mit Supermarktketten für Stellplätze der Minihäuser

Die Minihaus-Gemeinschaft auf dem Ikea-Parkplatz will kein Ökodorf sein, kein Freizeitpark und kein Campingplatz. Es geht um das gemeinschaftliche Wohnen, um gemeinwohlorientierte Arbeit und soziale Nachbarschaft. Vielleicht stellt sich ein Bäckerauto dazu, jemand eröffnet ein Café, eine Ausstellung, eine Werkstatt. Lädt der Bürgermeister zur Sprechstunde ins Tiny House ein? Alles sei möglich, sagt Le-Mentzel; was passiert, entscheiden alle. Von einer „lebendigen Stadtgemeinschaft“ spricht Van Bo Le-Mentzel.

Mit Supermarktketten verhandelt er, ob die Minihäuser bald auf ihre Stellplätze ziehen dürfen. Nur mal so, zum Ausprobieren. Ganze Wohnhäuser will er bauen, nur 15 Quadratmeter groß und nicht teurer als 100 Euro. Theoretisch möglich, praktisch schwierig. „Wir müssen jetzt die Weichen stellen für die Zukunft“, sagt er. „Es gibt keinen besseren Zeitpunkt für die Frage: Wie wollen wir bauen?“

Berliner Senat spricht noch keine Unterstützung für Minihäuser zu

Es geht nicht mehr um grenzenloses Wachstum und großen Wohnungen als Ausdruck von Reichtum. So viel Platz ist nicht da. Minimalismus und Wohnen auf kleinem Raum mit vielen Gemeinschaftsflächen, das wäre eine Zukunftsvision, sagt Le-Mentzel. Wenn etwa Wohnen auf Parkplätzen nicht mehr verboten ist. „Die Gesetze werden sich ändern“, sagt er.

Die Stadt Dortmund will Tiny-House-Projekte besser unterstützen und mit alten Wohngewohnheiten „radikal brechen“, teilte der Projektleiter im Stadtplanungsamt, Gerald Kampert, Ende Februar mit. Er sucht Konzepte für ressourcenschonendes, gutes und bezahlbares Bauen. „Wir wollen aber auch zum Nachdenken über den persönlichen Lebensstil anregen und mit klassischen Denk- und Handlungsmustern brechen“, sagt er. Aus dem Berliner Senat sind solche Sätze nicht zu hören.