Warum Fluggäste am BER abends oft  länger auf ihr Gepäck warten müssen  

Am Flughafen Berlin Brandenburg stehen stressige Wochen bevor. Insider geben den Passagieren Ratschläge - und berichten, unter welchen Bedingungen das Personal arbeitet. 

So war es zu Beginn der Sommerferien 2022: Passagiere stehen im Terminal 1 des Flughafens BER Schlange. Trotzdem lief es am Hauptstadtflughafen besser als anderswo.
So war es zu Beginn der Sommerferien 2022: Passagiere stehen im Terminal 1 des Flughafens BER Schlange. Trotzdem lief es am Hauptstadtflughafen besser als anderswo.dpa/Soeren Stache

Ans Meer. In die Berge. Zu Verwandten. Am Freitag beginnen in Berlin und Brandenburg die Herbstferien, und damit stehen dem BER zwei der verkehrsreichsten Wochen des Jahres bevor. Bis zum Ferienende am 6. November erwartet die Flughafengesellschaft FBB mehr als eine Million Passagiere.

So schlimm wie vor einem Jahr werde es voraussichtlich nicht werden, hofft Enrico Rümker von der Gewerkschaft Verdi. „Wir erwarten, dass die Kollegen den Start gut hinbekommen“, sagte er der Berliner Zeitung. Doch ein Quäntchen Glück werde wohl dabei sein: „Unter der Oberfläche brodelt es beim Personal.“ Worauf müssen sich die Fluggäste einstellen? Dazu gibt es nun aktuelle Tipps.

Am Hauptstadtflughafen, der am Monatsende zwei Jahre alt wird, betreut Rümker das Personal der Bodendienstleister. Die Firmen Swissport, Aeroground und Wisag sind dafür zuständig, im Auftrag der Airlines am BER Fluggäste einzuchecken, Gepäck zu verladen, Vorfeldbusse zu steuern – um nur einige Tätigkeiten zu nennen. Nun sind Mitarbeiter aus diesem Bereich in das Büro gekommen, das Verdi am Flughafen als Anlaufstelle unterhält. Es gibt Kaffee, wie ihn sich Fluggäste, die morgens um 3.30 Uhr müde auf die Öffnung der Sicherheitskontrollen warten, wünschen würden.

Fünf Tonnen Koffer und Taschen in 45 Minuten zu verladen

„Ein Kollege hat in den letzten Wochen elf Kilo verloren“, erzählt einer der Männer, die mit Rümker im Konferenzraum zusammensitzen. „Er konnte einfach nicht mehr. Ich bin völlig platt, sagte er.“ Damit die Ferienreise nicht mit Stress beginnt und endet, legen sich viele Menschen am Flughafen ins Zeug – und manche wie dieser Kollege arbeiten öfter auch mal länger. Wenn der Zeitplan durcheinandergeraten und Not am Mann ist, wenn andere Mitarbeiter krank sind. Doch irgendwann macht der Körper nicht mehr mit.

Vor allem die Gepäckverladung ist eine harte Arbeit, die auf Knie und Wirbelsäule geht. Wenn ein voll beladener Touristenflug eintrifft, kommt es vor, dass drei Mitarbeiter rund 2,5 Tonnen Koffer und Taschen ausladen müssen – und nebenan steht Gepäck mit ungefähr dem gleichen Gesamtgewicht für den Rückflug in 45 Minuten bereit. Fünf Tonnen für drei Kollegen. Das schlaucht, sagt der Mann.

Dienstleister haben neues Personal eingestellt – aber das reicht nicht aus

Kein Wunder, dass die Krankenquote in dieser Branche ziemlich hoch ist, sagt der Verdi-Sekretär. „In einem Unternehmen am BER haben sich zwölf Prozent, in einem anderen sogar 20 Prozent krankgemeldet“, berichtet Enrico Rümker. Dabei haben die Unternehmen ihr Personal in diesem Jahr bereits verstärkt. So teilte die Swissport mit, dass sie bis zum Start der Sommerferien in Berlin und Brandenburg fast 200 neue Mitarbeiter gewinnen konnte. Das Unternehmen, das mit Easyjet und Ryanair die beiden größten Airlines am BER gewonnen hat, beschäftigte im Juli 637 Menschen.

Doch es gehe nicht nur darum, nach der Corona-Flaute die Zahl der Mitarbeiter wieder dem steigenden Fluggastaufkommen anzupassen, so Rümker. „Wichtig ist auch eine gute Einsatzplanung, und da hapert es“ – je nach Unternehmen mal mehr, mal weniger.

Bei einem der drei Bodendienstleister häuften sich derzeit die Beschwerden, berichtet er. Normal seien 160 Stunden Arbeit im Monat. „Doch manche Mitarbeiter werden für 200 Stunden eingeplant, andere wiederum nur für 130.“ Obwohl klar ist, wie viele Ladegruppen im Laufe eines Tages gebraucht werden, würden oft von vornherein weniger Gruppen vorgesehen, ergänzt einer seiner Besucher. Auch seien die Ladegruppen angesichts des Aufkommens an Koffern nicht selten zu klein bemessen.

„Es wird zu knapp getaktet. Meist sind keine Puffer da“

„Wenn sich dann Kollegen plötzlich krankmelden, wird es eng“, so die Schilderung. Das Personal, das da ist, müsse noch härter arbeiten. Immer wieder müssen Mitarbeitervertreter rügen, dass Pausenzeitregelungen missachtet werden. So entsteht ein Teufelskreis, der durch immer wieder neue Krankmeldungen, aber auch durch eine hohe Fluktuation in Gang gehalten wird. Zu oft werde nur befristet eingestellt. Nicht nur neu eingestellte Kollegen, auch im Management wechseln Mitarbeiter häufig, heißt es.

Eine harte Arbeit: Besondere Aufmerksamkeit braucht es bei Spezialgepäck, wie ein Babytrageschale. 
Eine harte Arbeit: Besondere Aufmerksamkeit braucht es bei Spezialgepäck, wie ein Babytrageschale. dpa/Soeren Stache

„Es wird zu knapp getaktet. Meist sind keine Puffer da“, fasst ein anderer Mitarbeiter zusammen. Wenn dann noch Flugverspätungen den Ablaufplan durcheinanderbringen und eingetroffene Flugzeuge warten müssen, bis andere Maschinen entladen sind, werden auch die Passagiere ärgerlich. In solchen Fällen müssen sie meist länger auf ihre Koffer warten als gewohnt. Dass das Warterisiko zum Abend hin steigt, sei nicht ungewöhnlich. Denn im Laufe eines Tages schaukeln sich Abweichungen vom Plan auf, und bei den Beschäftigten, die von einer Maschine zur anderen hetzen, nehme die Erschöpfung zu.

Slot für die Sicherheitskontrolle kann online gebucht werden

Natürlich spiele auch der enorme Kostendruck eine Rolle. Die Bodendienstleister müssen sich regelmäßig um die Aufträge der Airlines bewerben, die Konkurrenz ist hart. Das trage dazu bei, dass die Unternehmen knapp planen und Tätigkeiten, die sie nicht von den Fluggesellschaften entgolten bekommen, einstellen. Ein Beispiel sei die „Schlangensteuerung“, berichtet ein Insider. Dabei geht es darum, Fluggästen, die im Terminal warten, Informationen zu geben, damit es schneller geht. Die zuständigen Mitarbeiter gehören zu den mehr als 70 Beschäftigten, die ein Dienstleister zu Ende September gekündigt hat – zufälligerweise kurz vor Beginn der Herbstferien.

Immerhin: Für die Flughafengesellschaft FBB gibt es Lob. Thomas Hoff Andersson, der für den Betrieb zuständige Geschäftsführer, lässt sich immer wieder bei dem Personal auf dem Vorfeld oder in den Gepäckbereichen blicken. „Das kommt gut an“, sagt einer der Männer, die sich im Verdi-Konferenzraum versammelt haben. Das neue Angebot BER Runway, bei dem Fluggäste ein Zeitfenster für die Sicherheitskontrolle im Terminal 1 buchen können, habe die Situation entspannt, berichtete Gewerkschaftssekretär Rümker. Was er den Fluggästen rät, ist klar: „Sie sollten das neue Angebot nutzen und sich einen Slot reservieren.“

Bereits zu den Sommerferien hatte sich die FBB darum bemüht, die Abfertigung zu erleichtern – mit vielen Maßnahmen am Flughafen. So konnte anders als an anderen Flughäfen Chaos verhindert werden, und es lief besser als in den Herbstferien 2021.

Fluggäste sollten zweieinhalb Stunden vor dem Start im Flughafen sein

Die Flughafengesellschaft empfiehlt weiterhin allen Passagieren, zweieinhalb Stunden vor dem Abflug im jeweiligen Terminal zu sein. „Mit BER Runway kann die benötigte Zeit aber deutlich verkürzt und der Aufenthalt im Terminal besser kalkuliert werden“, so das Unternehmen. Passagiere sollten beachten, dass sie vor dem Zugang zu BER Runway bei der Sicherheitskontrolle ausreichend Zeit für Check-in und Gepäckaufgabe einplanen.

Während einer Pressekonferenz an diesem Mittwoch wollen Hoff Andersson und Flughafenchefin Aletta von Massenbach Fluggästen weitere Tipps geben, wie sie gut in die Ferien und wieder zurück kommen. „So gut wie zu Beginn der Sommerferien wird es wohl nicht werden“, erwartet Enrico Rümker. Probleme seien nicht auszuschließen. Aber klar sei: „Alle werden sich darum bemühen, dass es möglichst gut klappt.“