Sendungen wie „Bares für Rares“ oder „Der Trödeltrupp“ zeigen es: Feilschen und Handeln, die Suche nach Krimskrams, Kuriositäten und verborgenen Schätzen faszinieren die Fernsehzuschauer. Auch im echten Leben funktioniert das Konzept: Wer einmal auf den Flohmärkten am Boxhagener Platz oder im Mauerpark war, weiß um die Menschenmassen, die sich dort außerhalb pandemischer Alarmzeiten dicht gedrängt zwischen den Ständen hin und her schieben.

Auch auf dem Flohmarkt am Maybachufer in Neukölln herrscht alle zwei Wochen sonntags reges Treiben: Berlin-Touristen, Hipster, bunt gemischtes Publikum suchen nach Schnäppchen und Schwätzchen, nach Büchern und Begegnung. Wir haben mit dem Betreiber des Marktes gesprochen – über die Faszination Flohmarkt und was man auf beiden Seiten des Standes beachten sollte.

Herr Groß, wie sind Sie selbst zum Flohmarkt-Junkie geworden?

Anfangs war das für mich ein netter Nebenverdienst. Ich habe chinesische Himmelslaternen verkauft, neben meinen Jobs beim Film. Das lief zunächst ganz gut und machte richtig Spaß, doch dann wurden die Lampions immer umstrittener. Ich hatte aber noch den ganzen Keller voll davon und stand eines kalten Wintertages damit vor dem Hamburger Bahnhof, als ein alter Freund vorbeikam und mich anflapste, was ich da verkaufen würde: „Das versteht doch kein Mensch, was du da machst!“ Dann ging er ins warme Museum. Ich war erst sauer, dann unzufrieden, dann zog ich Kraft daraus und beschloss, das Konzept zu ändern und meinen eigenen Flohmarkt zu eröffnen.

Privat
Zur Person

Michael Groß, 47, ist seit 13 Jahren Chef des Nowkoelln Flowmarkts am Maybachufer – laut Visit Berlin der „schönste und längste Flohmarkt Neuköllns“, laut einiger Touristenguides gar der „charmanteste Flohmarkt Berlins“.

Zwischenzeitlich hatte die vierzehntägliche Sonntags-Sause auch einen Ableger in den Prinzessinnengärten am Moritzplatz, dieser existiert aber nicht mehr. Dafür ist Groß seit zwei Jahren auch in Schöneberg präsent: In der Crellestraße gibt es einen kleineren, deutlich unhipperen Ableger seines Neuköllner Marktes.

Groß gelangte über Umwege zum Trödeln. Der gebürtige Hesse kam zum Studium der Filmwissenschaften nach Berlin, stand nach der Uni vor der Kamera und dahinter, fand aber nicht das Richtige im Filmgeschäft. Also übernahm er schließlich die Regie über einen Flohmarkt.

Ist das denn so einfach? In Berlin gibt es ja schon um die 50 regelmäßig stattfindende Flohmärkte.

Ich hatte ja durch meinen Stand schon etliche Berliner Wochen- und Designmärkte kennengelernt – eine kreative, lebendige Szene. Aber natürlich wollte ich nicht das Gleiche machen wie alle anderen. Aus meiner Heimatstadt Frankfurt kannte ich den tollen Flohmarkt am Mainufer und dachte, so etwas braucht Berlin auch: Trödeln am Wasser! Nun gab es am Maybachufer zwar einen Wochen-, aber eben keinen Flohmarkt. Sonntags musste ich immer von meiner Wohnung am Kottbusser Damm zum Boxhagener Platz oder Mauerpark fahren. So kam mir die Idee eines Flohmarkts am Maybachufer, mit der ich beim Ordnungsamt in Neukölln vorstellig wurde. Und was soll ich sagen: Es hat geklappt und lief sofort Bombe! Ich habe mit 70 Ständen angefangen, heute sind es 170.

Sie sind also Händler und Betreiber, aber auch Kunde. Dann wissen Sie natürlich aus dem Effeff, was sich auf Flohmärkten gut verkauft.

Sehr gut gehen Klamotten und Accessoires. Auch Haushaltsgegenstände, Keramik und alte Schallplatten sind sehr gefragt. Und Kindersachen, die gehen immer gut weg. Manchmal ist es auch etwas vollkommen Verqueres, was zum Verkaufsschlager wird. Bei uns am Maybachufer gibt es einen Händler, der hat sich auf alte DDR-Apothekergläser aus den Siebzigern verlegt. Die Hipster gehen da voll drauf ab, sie stellen da ihre Blumen rein oder kochen Eier darin. Weil man in dem hitzebeständigen Glas die Blubberbläschen so schön aufsteigen sieht.

Und worauf bleibt man als Trödler eher sitzen?

In Zeiten von iTunes und Spotify sind CDs und DVDs natürlich nicht mehr so angesagt. Die haben im Gegensatz zum Vinyl auch keinen Vintage-Charme, sondern sind dann eher so Ein-Euro-Artikel, die sich nicht wirklich lohnen.

Was muss man denn beachten, wenn man selbst einen Stand machen will?

Die Sachen, die man verkaufen will, sollten schon ordentlich aussehen, aber auch nicht zu ordentlich, schließlich sind wir auf dem Flohmarkt und nicht im Designerladen. Also Klamotten gern waschen, aber nicht bügeln. Nach Größen sortieren, aber den Wühltisch-Charakter beibehalten. Außerdem macht es sich immer gut, eine Tischdecke unterzulegen und einen Blickfang am Stand zu haben.

Einen Blickfang?

Ja, etwas, mit dem Sie auf sich aufmerksam machen. Bei 170 Ständen muss man ja ein bisschen herausstechen. Der Blickfang können natürlich die Verkäuferin oder der Verkäufer selbst sein, aber auch ein paar frische Blumen oder ein ausgefallenes Trödelstück schaden nicht.

Was muss man noch dabeihaben?

Ich empfehle eine Flasche Sekt und eine Begleitung: den guten Freund oder die Freundin, Mama, Schwester etc. Schließlich verbringt man den halben Tag auf dem Markt und da darf es schon auch ein bisschen lustig sein. Seinen Stand sollte man eh nicht unbeaufsichtigt lassen, Langfinger sind auch auf Flohmärkten gern mal unterwegs. Bitte auch einen Stuhl nicht vergessen und einen Spiegel, damit sich die Leute anschauen können in dem Outfit, das sie vielleicht kaufen wollen.

Und auf Kundenseite: Wie findet man als Flohmarktgänger die besten Schnäppchen?

Das mag banal klingen, aber am besten geht man nicht mit zu hohen Erwartungen und mit offenen Augen über den Flohmarkt. Und das Timing ist wichtig: Wer erst zur Mittagszeit kommt, kann davon ausgehen, dass die besten Stücke schon weg sind. Also am besten gleich früh kommen, wenn man etwas Besonderes sucht. Oder erst spät, wenn man ein Schnäppchen machen will. Zum Ende des Markttages sind viele Händler froh, wenn sie ihre Sachen überhaupt noch loswerden und gehen mit den Preisen runter.

Wie kommt es eigentlich, dass Flohmärkte über alle Jahre hinweg so beliebt sind? Und dass in einer Stadt wie Berlin Dutzende Märkte nebeneinander überleben können? Immerhin gibt es heute ja auch Ebay und Co., wo man alles online verkaufen kann.

Weil das Internet kein Erlebnis bieten kann. Ich muss alles fotografieren, bei Ebay reinschreiben, dann mit potenziellen Käufern die Abholung etc. verhandeln. Das kann man natürlich alles machen, aber es ersetzt nicht das wuselige Treiben und die Begegnungen auf dem Flohmarkt. Am Ende eines Trödeltages komme ich mit einem Stück nach Hause, an das ich gar nicht gedacht habe, mit einem Toaster zum Beispiel, von dem mir beim Bummeln einfiel, dass ich ihn brauchen könnte. Das ist was anderes, als gezielt im Kaufhaus oder Laden zu gucken. Und unter Nachhaltigkeitsaspekten betrachtet sind Secondhand und Flohmarkt ja auch eine tolle Sache.

So ein Stand auf dem Flohmarkt ist allerdings nicht billig. Lohnt sich das denn überhaupt?

Also wir nehmen in Neukölln derzeit 53,50 und in Schöneberg 48,50 Euro von privaten Händlern, die den Großteil der Stände ausmachen. Wir mussten mit den Preisen zuletzt noch mal ein bisschen hochgehen, da wir unter der Pandemie gelitten haben und Platzmiete, Müllentsorgung und Personal bezahlen müssen, außerdem die neue Online-Buchung und Paypal-Gebühren.

Im Schnitt kann man aber sagen, dass an einem guten Flohmarkttag schnell mal 150 Euro zusammenkommen, gern auch 300 oder 400, wenn man gute Sachen anzubieten hat. Dafür muss man natürlich bereit sein, sich von Sachen zu trennen. Meist ist es doch so, dass sie bei einem zu Hause nur rumstehen und einstauben, während jemand anderes sich total drüber freut. Das klappt natürlich nicht immer: In der Regel nimmt man die Hälfte seiner Sachen wieder mit nach Hause. Oder lässt sie – leider – einfach stehen. Wir entsorgen jedes mal sieben Kubikmeter Müll, davon zwei Kubikmeter Klamotten.

Bei der Online-Anmeldung für den Maybachufer-Markt muss man extrem schnell sein, meist sind schon innerhalb einer Minute alle Standplätze vergeben. Wie wählen Sie die Marktteilnehmer aus?

Wir lehnen keine Bewerber ab, aber das Verhältnis zwischen gewerblichen und privaten Händlern sollte immer so ein Drittel – zwei Drittel sein. Am Markttag selbst gucken wir dann auch, was die Leute anbieten. Nicht erwünscht sind alte Kabel, eingepackte Billigware aus China und generell neue Sachen. Bei uns soll es um gebrauchte und Secondhandware gehen. Und um Streetfood, das ist auch eine wichtige Sparte. Sehr beliebt sind japanische Reiswaffeln und der vegane Gyros.

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Der Tipp vom Profi: Flohmarkt am Sonntag auf dem Arkonaplatz in Mitte

Zum Ende wollen wir noch wissen, wo Sie als Trödelprofi in Berlin am liebsten stöbern gehen – die eigenen Märkte ausgenommen.

Der Flohmarkt am Arkonaplatz ist schon der schönste Berliner Trödelspot. Er ist nicht so touristisch wie der am Mauerpark, das Verhältnis zwischen professionellen und privaten Händlern ist gut abgestimmt und der Platz ist einfach sehr schön. Alles ist ein bisschen hochwertiger als bei uns, aber dafür haben wir das hübschere Klientel.