Das neunjährige Mädchen hat eine lange Odyssee hinter sich. Pauline (Name geändert) wurde zunächst von ihrer Mutter nach Uruguay gebracht, später nach Malta, dann nach Thailand. Claudia K., ihre Mutter, sitzt an diesem Dienstag auf der Anklagebank des Amtsgerichts Tiergarten. Der Vorwurf: Kindesentziehung.

Claudia K. hatte ihre Tochter jahrelang im Ausland vor dem Vater versteckt, der das alleinige Sorgerecht hatte. Die 45-Jährige sagte, sie habe ihr Kind vor dem Vater schützen wollen. Sie spricht von Verletzungen der Tochter und von einem Missbrauchsverdacht. Sie ging mit Pauline jedoch nicht ein einziges Mal zu einem Arzt.

Gericht erteilt Vater Sorgerecht

Richterin Ulrike Hauser glaubt der Mutter nach dreistündiger Verhandlung nicht. „Das was Sie gemacht haben, ist Selbstjustiz“, sagt sie und verurteilt die Angeklagte zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Zugleich bleibt der Haftbefehl bestehen. Claudia K. hat in Deutschland keinen festen Wohnsitz, die Richterin fürchtet, dass sie sich ins Ausland absetzen könnte.

Ulrike Hauser erklärt in der Urteilsbegründung, dass die Kindesmutter alle Entscheidungen von Familiengerichten ignoriert habe und mit ihrem Kind einfach abgetaucht sei. Claudia K. hatte zunächst das Sorgerecht und wollte nicht mehr, dass der Vater die Tochter alle zwei Wochen sehen durfte. Ostern 2013 flog Claudia K. deswegen mit der damals Fünfjährigen nach Uruguay. Bereits nach einem kurzen Aufenthalt wurden Mutter und Tochter dort ausfindig gemacht. Sie mussten nach Deutschland zurückkehren. Ein Gericht erteilte daraufhin Paulines Vater das Sorgerecht.

Haftbefehl gegen die Mutter

Dann, so die Richterin, habe die Mutter das Kind im April 2014 erneut außer Landes gebracht. Zunächst nach Malta, wo sich Claudia K. in der deutschen Botschaft erfolgreich um einen neuen Reisepass für ihre Tochter bemühte. Dann nach Thailand. Mittlerweile gab es einen Haftbefehl gegen die Mutter.

Erst im Juli diesen Jahres wurde Claudia K. in Thailand aufgespürt. Am 4. Juli kam die Einzelhandelskauffrau in Abschiebehaft. Am 14. Juli kehrte sie nach Deutschland zurück, wo sie verhaftet wurde. Da war Pauline längst bei ihrem Vater.

„Auseinandersetzung zu Lasten des Kindes ausgetragen“

Richterin Hauser sagt, dass der Missbrauchsverdacht gegen den Kindesvater an den Haaren herbeigezogen sei. Das hätten auch diverse Familiengerichte bisher so gesehen. Derartige Verdächtigungen habe die Angeklagte im Sorgerechtsstreit als „Waffe“ eingesetzt.

Ulrike Hauser findet klare Worte für die Angeklagte, aber auch für Paulines Vater, einen Makler, der Nebenkläger ist. „Sie haben ihre Auseinandersetzung zu Lasten des Kindes ausgetragen. Es wurde hin- und hergezerrt“, sagt die Richterin. Sie könne nicht glauben, dass so etwas spurlos an einem Kind vorbeigehe. An Claudia K. gewandt, erklärt Hauser: „Sie haben Ihre Interessen über die ihrer Tochter gestellt.“ Die Richterin geht zudem davon aus, dass die Angeklagte Hilfe gehabt habe.

„Sie fühlt sich wohl“

Der Anwalt von Claudia K., Kai Jochimsen, hat angekündigt, gegen das Urteil vorzugehen. Er sagt, es habe sehr wohl zwei Kindesentziehungen gegeben. Eine in Uruguay und eine in Thailand. Als ihr jeweils das Kind weggenommen wurde.

Pauline ist heute neun Jahre alt. Sie geht in Berlin zur Schule. Ihr 46 Jahre alter Vater sagt, sie sei in psychologischer Behandlung, aber es gehe ihr eigentlich ganz gut. Sie habe hier ihre alten Freunde wiedergefunden und neue Bekanntschaften geschlossen. „Sie fühlt sich wohl.“