Am 19. Februar 2018 kam eine Frau bei einem Unfall am Kottbusser Tor ums Leben (Archivbild).
Foto: Morris Pudwell

Berlin - Falk Z. kann selbst nichts sagen an diesem Mittwoch. Er ist den Tränen nahe. Das Geschehene nehme ihn noch immer mit, sagt seine Anwältin in einer Erklärung. Er bedauere unendlich, was geschehen sei. Der 40-Jährige muss sich wegen fahrlässiger Tötung einer Fußgängerin verantworten.

Der aus Sachsen stammende Mann soll am 19. Februar 2018 mit seinem Sattelzug vom Kottbusser Tor nach rechts in die Skalitzer Straße in Kreuzberg abgebogen sein. Ohne anzuhalten, so steht es in der Anklage. Und ohne auf Fußgänger zu achten, die bei Grün über die Straße liefen.

Der Laster kollidierte mit einer 63 Jahre alten Fußgängerin, die überrollt und getötet wurde. Ein Unfall, der vermeidbar gewesen wäre, so die Anklage.

Doch ist der Fall wirklich so klar, wie ihn der Staatsanwalt darstellt? Mitnichten. Niemand kann sagen, woher die Passantin kam. Ob sie quer über die Straße rannte, ob sie überhaupt bei Grün die Fahrbahn betrat. Falk Z. sagt, die Fußgänger hätten damals Rot gehabt, als er losgefahren sei.

Sattelzug hielt vor dem Abbiegen nicht noch einmal an

Es gibt zwei Zeugen, die in dem Prozess aussagen. Donata W. war zum Zeitpunkt des Unglücks gegen 10 Uhr vormittags ebenfalls über die Straße gelaufen. Die 33-Jährige war erst durch einen Schrei aufmerksam geworden. Sie habe sich umgedreht und die Passantin gesehen, die schließlich von dem Lkw überrollt wurde. Zuvor war ihr die Frau nicht aufgefallen.

Der andere Zeuge ist Robert S. Der 44-jährige Hausmeister aus Berlin wollte an jenem Tag mit seinem Kleintransporter ebenfalls abbiegen und fuhr direkt hinter dem Sattelschlepper. Er erklärt, der Laster habe ihn „genervt, weil er so langsam gefahren“ sei.

Er gibt an, dass der Sattelzug angehalten habe, um Radfahrer und Fußgänger passieren zu lassen. Er sagt auch, die verunglückte Frau sei definitiv nicht im Bereich der Fußgängerfurt über die Straße gelaufen. „Der Fußgängerweg und auch der Radweg waren frei, als der Lkw losfuhr.“

Der Unfallanalytiker kann hingegen ausschließen, dass der Sattelzug vor dem Abbiegen noch einmal angehalten hat. Das würden die Daten aus dem digitalen Kontrollgerät des Lkw ergeben. Falk Z. habe sein Fahrzeug demnach lediglich auf vier Kilometer pro Stunde abgebremst, dann wieder Gas gegeben. Der 15 Meter lange Sattelzug sei dann mit Tempo zwölf oder 13 mit der Fußgängerin kollidiert.

Zusammenstoß wahrscheinlich unvermeidbar

Der 36-jährige Dekra-Experte geht anhand der Spuren davon aus, dass sich die Frau zum Zeitpunkt des Zusammenstoßes noch im Bereich des Fußgängerüberwegs befunden haben muss. Nicht sagen kann er allerdings, ob sie die Straße bei Rot oder Grün betreten hat. Auch kann er nicht klären, woher die Frau gekommen ist.

Nach einer der drei plausibelsten Berechnungen des Gutachters war sie offenbar lange Zeit im toten Winkel des Lkw. Erst 0,9 Sekunden vor der Kollision trat sie „aus dem Sichtschatten heraus“, sagt der Sachverständige. Ein Zusammenstoß sei in diesem Fall wahrscheinlich unvermeidbar gewesen. Ein Überrollen aber schon, wenn der Fahrer die Frau in diesen 0,9 Sekunden in einem Rückspiegel gesehen und sofort gebremst hätte.

Der Prozess wird am 20. März fortgesetzt. Richter Nicolai Hahn will noch einen medizinischen Sachverständigen hören. Der Experte soll darüber Auskunft geben, ob die Frau schon durch den Aufprall oder erst durch das Überrollen getötet wurde. Das sei entscheidend in diesem Fall.

Falk Z. hat schon kurz nach dem Unfall einen Brief an die Familie der getöteten Frau geschrieben und sich darin entschuldigt. Er war sechs Monate in psychologischer Behandlung, hat schließlich den Arbeitsplatz gewechselt.

An der Kreuzung, an der die Fußgängerin starb und die der Zeuge Robert S. eine „absolute Höllenecke“ nennt, kommt es immer wieder zu schweren Unfällen. Erst im Januar dieses Jahres wurde an derselben Kreuzung eine 68-jährige Radfahrerin von einem abbiegenden Lkw überrollt und getötet.