Berlin - Man sagt, wenn nach einem Verlust eines geliebten Menschen ein Jahr herum ist, alle Feiertage und Geburtstage begangen wurden ohne diesen Menschen, dann wird der Schmerz erträglicher. Für Susanne Hahn ist dieses Jahr am kommenden Donnerstag vorbei. Dann jährt sich der Tag, an dem ihre Tochter Johanna in Charlottenburg totgerast wurde. Das Auto einer fliehenden Diebesbande erfasste die junge Frau. „Nein, es wird nicht besser. Hanni schwebt wie ein Schatten über mir und meinen anderen Kindern“, sagt Susanne Hahn.

Es ist ein schöner Frühlingstag, an dem die 51-jährige Heilpädagogin an einer Förderschule in einem Café an der Kantstraße unweit der Unglücksstelle in Wilmersdorf bedächtig in ihrem Latte Macchiato rührt. Sie ist noch krankgeschrieben. Schon wegen des Prozesses, der gegen den Fahrer des Autos wegen Mordes geführt wird. Und den sie Prozesstag für Prozesstag als Nebenklägerin begleitet. In der nächsten Woche soll  es in dem Verfahren ein Urteil geben.

Susanne Hahn sagt, sie sei froh, wenn der Prozess vorbei ist.  Wenn nicht  alles immer wieder hervorgeholt werde. „Gerechtigkeit wird es nicht  geben. Es bringt mir meine Tochter nicht zurück, wenn der Angeklagte zu lebenslanger Haft verurteilt wird“, sagt die Mutter.

Johanna Hahn war 22 Jahre alt, als sie am Abend des 6. Juni vergangenen  Jahres mit einem Freund unterwegs war. Die Studentin wollte an jenem lauen Abend   bei grüner Ampel, ihr Fahrrad schiebend, die Windscheidstraße  überqueren. Sie hörte weder den heranrasenden Audi, dessen Fahrer die  roten Ampeln ignorierte, noch die verfolgenden Zivilfahrzeuge der Polizei, die ohne Blaulicht fuhren.  Johanna  wurde von dem Audi erfasst. Sie war sofort tot. Auch einer der Diebe starb. 

An diesem Donnerstag will die Familie mit einer Mahnwache an Johanna erinnern – und  an die acht Verkehrstoten, die es in Berlin in diesem Jahr bereits gab. Am Pfingstmontag findet zudem ein von Johannas Familie organisiertes Konzert in der nahe gelegenen Kirche am Lietzensee statt – „zum Gedenken an Menschen, die plötzlich aus unserer Mitte gerissen wurden“, heißt es in der Einladung.      „Es wird nicht einfach werden, dort teilzunehmen“, sagt die Mutter.

Susanne Hahn erzählt, dass in dem Prozess immer wieder zur Sprache gekommen sei, warum die Polizeiwagen ohne Blaulicht und Sondersignal unterwegs waren. Warum sie nicht andere Verkehrsteilnehmer vor den davonrasenden Dieben gewarnt hatten.  Eine Antwort konnten die Beamten nicht geben. Sie erklärten stets, dass sie für das Einschalten des Blaulichts keine  Zeit gehabt hätten – allerdings bei der Verfolgungsjagd noch anhalten konnten, um kurz vor der Windscheidstraße einen am Straßenrand stehenden Kollegen aufzunehmen.  „Ich denke schon, dass es da eine gewisse Teilschuld  gibt“, sagt die Mutter.

Susanne Hahn  ist eine freundliche Frau, mit einem ansteckenden Lachen, bei dem man sich fragt, wie das bei diesem Schicksal geht. Doch sehr schnell stellt sich heraus: Hinter diesem Lachen steckt ein tiefer Schmerz. Das gibt Johannas Mutter auch zu. Am Tage, wenn sie mit Menschen über Johanna spreche,  dann halte sie die Fassade aufrecht. Es sei wirklich schön, über ihre älteste Tochter  zu reden. Es sei so, als wäre Hanni noch da, sagt sie dann.

Doch die Fassade bröckelt. Sobald Susanne Hahn in ihre Wohnung kommt, in der ihr Johanna von vielen Bildern zulacht. Abends sind die Tränen und der Schmerz die Begleiter der Mutter. Sie sind gnadenlos. Auch wenn ihre jüngere Tochter Katharina wieder bei ihr eingezogen ist. Katharina war wie Johannas Zwillingsschwester.  Beide wollten zusammen mit ihrem älteren Bruder Alex nach dem Studium ein Therapiezentrum aufbauen.

Susanne Hahn erzählt, dass sie seit wenigen Tagen wieder in dem Zimmer schlafen könne, in dem sie damals aufgeschreckt sei. Morgens um  4 Uhr, als die Polizei ihr die traurige Nachricht überbrachte.  Noch etwas hat sich geändert. Yodah ist eingezogen –  eine indische Katze. Katharina war nach dem Tod ihre zwei Jahre älteren Schwester allein zu ihrer gemeinsam geplanten Reise nach Indien aufgebrochen. Katharina hat die kleine Katzen gefunden, aufgepäppelt und über eine Tierschutzorganisation nach Deutschland bringen lassen. „Yodah  hat Kati über die Zeit der Trauer gebracht“, sagt Susanne Hahn.