Hier saßen sie nun am Donnerstagnachmittag im Raum 376 des Abgeordnetenhauses, die Politiker und sechs Experten, von den jeweiligen Fraktionen geladen. Und es kam für einige anders als gedacht.

Schulleiterin widerspricht Mobbing-Coach Carsten Stahl

Der Reihe nach: Die FDP-Fraktion hatte nach dem Tod einer elfjährigen Grundschülerin der Reinickendorfer Hausotter-Schule diese Anhörung zum Thema „Mobbing an Berliner Schulen“ beantragt. Die CDU lud als ihren Experten den selbst ernannten Anti-Mobbing-Experten Carsten Stahl ein, der den Fall durch einen Anruf bei einer Zeitung öffentlich gemacht hatte. Das Mädchen sei durch Mobbing in den Tod getrieben worden, schuld seien untätige Politiker, hatte Stahl seinerzeit bei Elternversammlungen an der Schule mit lauter, wütender Stimme vorgetragen.

Am Donnerstag im Ausschuss legte der temperamentvolle Carsten Stahl im Sitzungssaal nach. Mobbing an Schulen werde geduldet, keiner wolle genauer hinsehen, alles laufe nebeneinander her, empörte sich Stahl, dessen schwarzgrauer Anzug vor lauter Muskelmasse spannte.

Nach einiger Zeit ergriff dann Daniela Wagner, die Leiterin der Hausotter-Grundschule, das Wort. Die Frau mit dem schwarzen Lederblouson war am Morgen noch bei der Beerdigung des Mädchens gewesen. Nun widersprach sie im Ausschuss Carsten Stahl. „Die Schülerin, die gestorben ist, war kein Mobbing-Opfer“, sagte sie mit leiser, fester Stimme. Sie habe nach dem Tod des Mädchens im Krankenhaus eng mit den Eltern Kontakt gehabt, die sich nie zur Todesursache geäußert hätten. Einen Mobbing-Vorwurf hätten die Eltern aber nie erhoben. Und direkt nach den Winterferien habe die jüngere Schwester der toten Schülerin ihrer Klassenleiterin gesagt, dass sie weiterhin diese Schule besuchen wolle, berichtet die Schulleiterin weiter. Die Botschaft: Wenn es wirklich so viel Mobbing an dieser Schule gebe, würden die Eltern die zweite Tochter wohl nicht weiter dorthin gehen lassen.

CDU-Politikerin Hildegard Bentele kritisiert Bildungssenatorin Sandra Scheeres

Der 46-jährige Stahl ging darauf zunächst nicht direkt ein. Das einstige Mitglied einer Neuköllner Jugendgang hat nach eigenen Angaben selbst Mobbing erfahren. Wie auch sein kleiner Sohn. Heute gibt er Anti-Mobbing-Kurse für Kinder und Erwachsene, stellt dabei konfrontative Situationen nach, sicherlich sehr glaubwürdig. Gebucht wird er von Schulen und selbst von der Bundeswehr, wie er im Parlament betonte.

CDU-Bildungspolitikerin Hildegard Bentele verlegte sich im Ausschuss dann lieber darauf, Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) wegen ihrer undurchsichtigen Erfassung solcher Vorfälle anzugehen. Tatsächlich werden Mobbing- und Gewaltvorfälle oder auch Suizidversuche seit zweieinhalb Jahren nicht mehr öffentlich gemacht. Scheeres hatte damals festgestellt, dass die Statistik wegen des völlig unterschiedlichen Meldeverhaltens der Schulleitungen nicht repräsentativ sei. Sie gab gleich zwei Gutachten in Auftrag, um das Verfahren zu überprüfen. Das zweite liegt bereits seit Oktober vor. Ein neues Meldesystem existiert aber noch nicht. In Kooperation mit der Landeskommission gegen Gewalt soll es sich künftig an Hamburg orientieren. Dort dient die Polizeistatistik als Basis.

Andere Experten wie Schulleiter Markus Schega betonten im Ausschuss, dass das Vorgehen gegen Mobbing entschieden und langfristig sein muss. „Im Zweifel wird es Chefsache“, sagte Schega.