Potsdam - Shaden M. war von der Deutschen Universität Kairo nach Cottbus gekommen, um in der Lausitzstadt ihren Bachelor zu machen. Ein Jahr sollte ihr Architektur-Studium nur noch dauern. Doch bevor sich die 22-Jährige an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg richtig in das Studium hineinknien konnte, war die junge Frau tot. Sie starb, wenige Tage, nachdem sie nach Deutschland gekommen war, nach einem Verkehrsunfall.

Der tragische Tod von Shaden M. beschäftigt seit dem Vorfall vom Karsamstag die Öffentlichkeit. An diesem Donnerstag befasste sich auch der Potsdamer Innenausschuss mit dem Fall. Denn die junge Frau soll, als sie sterbend auf der Straße lag, von einem lässig herbeigelaufenen Insassen des Unfallwagens rassistisch und zynisch beschimpft worden sein. Außerdem wurde der Vorwurf laut, dass die Polizei einfach weggehört habe. Drei Tage nach dem Unfall starb Shaden M. in einem Krankenhaus.

Der ägyptische Konsul ist zu der Anhörung in den Landtag gekommen, auch der zweite Sekretär der Botschaft des nordafrikanischen Landes waren da. Die Ägypter waren in den Innenausschuss eingeladen worden. Sie wollen sich ein Bild machen von der Ermittlungsarbeit der Polizei. Nabil Sadek, der Generalstaatsanwalt von Ägypten, hat am Mittwoch Ermittlungen in dem Fall aufgenommen und von den deutschen Behörden die Kopien der Ermittlungsunterlagen angefordert.

Menschenverachtende Bemerkungen 

Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) sagte, dass die zwei Streifenwagenbesatzungen, die in der Nacht zum 15. April zum Unfallort gerufen worden seien, keine Anhaltspunkte gehabt hätten, dass es gegen die schwer verletzt auf der Straße liegende Studentin menschenverachtende, zynische oder rassistische Bemerkungen gegeben habe. „Die erste Priorität der Einsatzkräfte war es, das Unfallgeschehen aufzuklären, sich insbesondere um die schwer verletzte Frau zu kümmern und eine Unfallflucht zu verhindern“, teilt der Politiker mit.

Dann gab Schröter das Geschehen in jener Nacht wieder. Demnach war Shaden M. gegen 0.20 Uhr an der Straßenbahnhaltestelle Stadthalle unvermittelt aus einer Menschengruppe heraus auf die Straße getreten. In diesem Bereich darf man nicht schneller als Tempo 30 fahren. Das Auto eines 20-jährigen Mannes aus Dresden erfasste die Frau.

Gegen den Autofahrer werde zunächst wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt, erläutert der Innenminister. Es lägen derzeit keine Erkenntnisse über eine fremdenfeindliche Motivation für diesen Unfall vor. Es seien bei der Unfallaufnahme keine fremdenfeindlichen Äußerungen durch Zeugen mitgeteilt oder durch die Polizeibeamten wahrgenommen worden.

"Geht doch in euer Scheißland zurück"

Schröter berichtet weiter, dass die Polizei nach dem Tod der Studentin am 18. April mit einem Zeugenaufruf an die Öffentlichkeit gegangen sei. Daraufhin meldete sich eine Unfallzeugin in Münster. Sie teilte der Polizei mit, dass sie von einem Dritten gehört habe, dass am Unfallort sinngemäß folgendes gesagt worden sei: „Die haben nichts in Deutschland zu suchen.“ Dies soll sich auf die Gruppe, zu der Shaden M. gehörte, bezogen haben.

Erst am 25. April wurden durch Medienberichte Informationen zu konkreten ausländerfeindlichen Äußerungen bekannt, die unmittelbar nach dem Unfall von Insassen aus dem Unfallwagen gemacht worden sein sollen. „Als das bekannt geworden ist, wurde sofort eine Strafanzeige wegen des Verdachts der Volksverhetzung und der Beleidigung aufgenommen“, sagte Schröter. Der polizeiliche Staatsschutz habe die Ermittlungen aufgenommen.

Am selben Tag seien zwei weitere Unfallzeugen vernommen worden. Beide hätten bestätigt, dass der Beifahrer des Unfallautos das Opfer verhöhnt hatte. „Bei euch zu Hause habt ihr keine Straßen. Aber in Deutschland muss man auf die Straße gucken.“ Und: „Geht doch in euer Scheißland zurück“, soll der Mann gerufen haben.

Eine der beiden Zeuginnen sagte auch, ihr Freund habe die Worte „Scheiß Ausländer“ oder „Scheiß Asylanten“ gehört. Der Freund habe dies indes nicht bestätigt. Er konnte sich aber auch an die Äußerung, dass es „bei euch zu Hause wohl keine Straßen gebe“, erinnern. Zudem will auch er gehört haben, dass der Beifahrer sagte: „Geht doch in euer Scheißland zurück.“

Ein Traum wurde zerstört

Nach Angaben des Innenministers werden die Ermittlungen zum Unfallhergang und zu den ausländerfeindlichen Beschimpfungen intensiv fortgeführt. Außerdem sei nach dem Vorfall die Pflicht für Ermittler, bei jeglichen Straftaten einen politischen Hintergrund und Hinweise auf politisch motivierte Straftaten zu prüfen, auf Verkehrsunfälle ausgeweitet worden. Seit 2014 gibt es bei der Brandenburger Polizei diese Pflicht. Diese war nach den Morden des Neonazi-Trios NSU eingeführt worden und gilt bundesweit als vorbildlich.

Die Leiche von Shedan M. ist nach Ägypten überführt worden. „Voller Freude und Tatendrang“ sei die Gaststudentin nach Cottbus gekommen, hieß es in der Traueranzeige der BTU. „Durch einen tragischen Verkehrsunfall wurde sie plötzlich aus dem Leben gerissen. Wir bleiben fassungslos zurück.“