Todesdrohungen gegen Mitschüler, Schläge und Tritte gegen Pädagogen und Mobbing im Klassen-Chat: Zahlreiche Fälle von Gewalt und Diskriminierung an Berliner Schulen wurden in den vergangenen Wochen öffentlich. Die involvierten Schulleiter und Lehrer fühlen sich mitunter überfordert und alleingelassen. Jetzt räumte auch Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) ein: „Manche Situationen lassen sich pädagogisch nicht mehr lösen.“

Die Bildungsverwaltung selbst bringt das Thema nun auf die Tagesordnung. Derzeit wird ein Fachtag mit zahlreichen Schulleitern und Pädagogen vorbereitet, bei dem über das Ausmaß der Verrohung auf Schulhöfen diskutiert und Lösungen gefunden werden sollen, kündigte Scheeres an. „Lehrkräfte müssen die Möglichkeit haben, störungsfrei zu unterrichten.“ Zuvor hat die Bildungsverwaltung verfügt, dass jede Schule Krisenteams bilden muss, um bei schulinternen Konflikten schnell eingreifen zu können.

Besondere Sorge bereitet den Verantwortlichen in der Bildungsverwaltung die gestiegene Zahl verhaltensauffälliger, oft aggressiver Schüler. Immer wieder wird die Polizei in die Schulen gerufen, weil die Lehrer alleine mit den um sich schlagenden Schülern nicht zurechtkommen. „Das ist eine der größten Nöte von Schule heute“, sagt der Berliner Schulpsychologe Matthias Siebert.

Zahl von Beleidigungen und Drohungen hat sich vervierfacht

Der Anteil der besonders verhaltensauffälligen Kinder – offiziell nennt sich das „Förderschwerpunkt emotional-soziale Entwicklung“ – hat sich an den Förderschulen binnen sieben Jahren verzehnfacht. An den allgemeinbildenden Schulen stieg ihre Zahl im gleichen Zeitraum um gut 1300 auf insgesamt knapp 4000 Schüler. Das geht aus Statistiken der Bildungsverwaltung hervor. Die Ursachen für den Anstieg sind vielfältig, ein Grund dürfte auch die verbesserte Diagnostik sein. Zudem sind im Zuge der Inklusion weitere Kinder mit Lern- oder Sprachdefiziten in die Regelschulen gelangt.

Binnen sieben Jahren hat sich auch die Zahl der Beleidigungen und Drohungen unter Schülern, die Schulen an den Senat meldeten, fast vervierfacht. Die Anzahl der Fälle von schwerer körperlicher Gewalt stieg ebenfalls deutlich an. „Wir müssen Schülerinnen und Schüler, die massiv und kontinuierlich den Unterricht stören und gewalttätig gegenüber Mitschülern und Schulpersonal sind, zeitweise auch aus dem Regelunterricht herausnehmen können“, sagte Scheeres. Sie könnten dann in temporären Kleingruppen unterrichtet werden.

Allerdings monieren die zuständigen Mitarbeiter in der Bildungsverwaltung hier ein uneinheitliches Meldeverhalten. Manchmal werden auch Bagatellen gemeldet, dafür aber schwerwiegende Fälle nicht. Deshalb wird das ganze Meldeverfahren derzeit wissenschaftlich untersucht und soll klarer werden.

Das soziale Miteinander wird groß geschrieben

Insgesamt sind die Anforderungen an die Schulen mittlerweile immens groß. Eine weitere Berliner Schule, die B.-Traven-Gemeinschaftsschule in Spandau, hat gerade beschlossen, künftig private Wachschützer einzusetzen, um den Schulfrieden zu gewährleisten. Viele Berliner Schulen sind ein Spiegel der Gesellschaft. Die Anzahl der Grundschüler, die zu Hause vornehmlich eine andere Sprache als Deutsch sprechen, ist seit 2008 von 35 auf mehr als 45 Prozent eines Jahrgangs angestiegen. Interkulturelle Konflikte unter Schülern, besonders an innerstädtischen Brennpunkt-Schulen, nehmen zu. Hinzu kommt, dass die meisten Schüler permanent online sind, so dass jederzeit mit persönlichen Verunglimpfungen im Klassen-Chat zu rechnen ist.

Das soziale Miteinander zu erlernen, spiele an vielen Berliner Schulen eine immer größere Rolle, sagt etwa Matthias Meyer, Leiter der Grundschule am Steglitzer Stadtpark. Wenn Konflikte in der Klasse besprochen werden, könne eben nicht gleich mit dem Mathe-Unterricht begonnen werden.

Bildungsforscher empfehlen Ganztagsschulen

Nicht selten übernehmen die Schulen mittlerweile einen Teil der Erziehungsarbeit. „Eltern sind weniger präsent“, sagt Ruby Mattig-Krone, die als Elternfortbildnerin andere Väter und Mütter über Mitwirkungsrechte aufklärt. „Als ich vor 25 Jahren meinen Sohn in die Vorschule gab, arbeitete die Hälfte der Mütter noch nicht“, erinnert sie sich. Jedenfalls in Westend. „Das ist heute anders, die Leute haben viel weniger Zeit für ihre Kinder.“ In den östlichen Bezirken sei es traditionell eher so, dass Entscheidungen von Lehrern seltener hinterfragt würden, betonte Mattig-Krone. Und viele zugewanderte Eltern wüssten nicht, dass sie in der Schule mitbestimmen dürfen.

Bildungsforscher empfehlen angesichts dieser Befunde, die Schulen konsequent zu Ganztagsschulen auszubauen. „Für den Erfolg von Ganztagsschulen ist es vermutlich wichtig, nicht einfach an den morgendlichen Unterricht Freizeitangebote anzuhängen, sondern über den Tag verteilt unterschiedliche Einheiten anzubieten“, sagt die Bildungsökonomin Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin. Im Fachjargon nennt sich das gebundener Ganztagsbetrieb. Dazu aber müsse man in den Lehrerkollegien eine andere Kultur entwickeln. Auch Eltern von Kindern mit außerschulischen Hobbys am Nachmittag dürfte das stören. Die Bundespolitik plant mittelfristig, den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule einzuführen. Prinzipiell plädiert Spieß für verstärkte Investitionen in Kitas und frühkindliche Bildung. „Es ist effizienter, in der frühen Kindheit anzusetzen, als später im Lebensverlauf zu reparieren.“