War es ein Racheakt im Drogenmilieu oder ein Vergeltungsschlag im Rockerkrieg, oder beides? Die Polizei weiß das noch nicht. Sie weiß bisher nur, dass am Sonnabendabend in Kreuzberg ein Mann niedergeschossen worden ist. Er starb zwei Stunden später in einem Krankenhaus. Eine Mordkommission ermittelt. Hinweise zum Schützen hat sie noch nicht.

Der Tote ist 32 Jahre alt und besitzt die türkische Staatsbürgerschaft. Er heißt Kadir D. und gilt als ehemaliges Mitglied der Bande 36 Boys, als Respektperson. Der Mann ist der Polizei bekannt. Näheres teilte die Behörde nicht mit. Anwohner wollen wissen, dass der verheiratete Mann und Vater von zwei Kindern seit langem am Kottbusser Tor mit dem Drogenhandel zu tun hatte. In der Vergangenheit soll es immer wieder zu Streitereien gekommen sein. Ein politisches Motiv schließt die Polizei aus.

Gegen 22 Uhr hatten Anwohner in einem Durchgang eines Wohnkomplexes in der Adalbertstraße, unweit vom Kottbusser Tor entfernt, mehrere Schüsse gehört. Dem Vernehmen nach soll es viermal geknallt haben. Die Zeugen berichteten außerdem, dass sie nach den Schüssen einen Mann gesehen haben wollen, der wegrannte. Rettungssanitätern gelang es zunächst, das Opfer zu reanimieren. Der Mann, der mehrmals in den Oberkörper getroffen worden war, wurde in eine Klinik gebracht. Dort erlag er seinen Verletzungen.

Bikes sichergestellt

Bis zum Sonntagmorgen suchten Kriminaltechniker nach Spuren. Fährtenhunde wurden genauso eingesetzt wie ein Scanner, mit dessen Hilfe der Tatort exakt vermessen werden kann. Auch eine Drohne wurde von der Polizei genutzt. Zum Zeitpunkt der Schüsse war das Areal rund um das Kottbusser Tor von vielen Menschen besucht, Touristen, Taschendieben und Dealern. Bei ihren Ermittlungen entdeckten Polizisten zwei am Kottbusser Tor abgestellte Motorräder, deren Typ von Rockern der Hells Angels, gefahren wird. Die Harleys wurden sichergestellt. Die Besitzer haben sich bislang nicht gemeldet. Die Polizei fahndet nach ihnen.

Die Polizei verwies am Sonntag darauf, dass der Hintergrund für die Tat noch nicht klar sei. Man werde Zeit brauchen, um Zeugen zu finden und sie dazu zu befragen, hieß es.

Jetzt wird auch geprüft, ob der Mord im Zusammenhang mit den Ereignissen Ende August im Kietzer Weg in Lichtenberg steht. In dieser abgelegenen Gegend war am 26. August dieses Jahres das 28-jährige Mitglied der Rockergruppe Guerilla Nation, Dirk S., von seinem Motorrad geschossen worden. Er war auf der Stelle tot. Diese Rockergruppe sympathisiert mit den Hells Angels. In der Nähe des Tatortes befindet sich das Vereinsheim des erst vor kurzem gegründeten Motorradclubs. Bislang sind zu diesem Fall nur zwei Hinweise eingegangen. Eine Spur zum Täter gibt es bislang nicht.

Das Kottbusser Tor ist wegen des Drogenhandels und der daraus resultierenden Kriminalität von der Polizei als gefährlicher Ort eingestuft worden. Seit Monaten fordern Anwohner und Händler, dass die Polizei gegen den Drogenhandel sowie gegen den Taschendiebstahl vorgeht. Doch das scheint schier unmöglich, sagen Fahnder. Das Kottbusser Tor mit seinen Nebenstraßen gilt heute als einer der großen Drogenumschlagplätze in der Hauptstadt.