Tödliche Schüsse in Neukölln: Parkplatz-Mord als Rache für eine Liebesaffäre

Berlin - Als Selim Ö. in der Nacht zum 9. Februar dieses Jahres auf einem Parkplatz in Neukölln getötet wurde, da wurde viel über das Motiv spekuliert. Der 35-Jährige sei aus Rache für eine tödliche Schießerei ermordet worden, war in einigen Zeitungen zu lesen. Der Grund für die Tat sei im Bereich der Organisierten Kriminalität zu suchen, hieß es dann auch aus Ermittlerkreisen.

Acht Monate nach den tödlichen Schüssen geht die Staatsanwaltschaft heute jedoch von einem anderen Motiv aus. Seit Mittwoch sitzen Ramazan G. (35) und Önder C. (24) wegen Mordes auf der Anklagebank des Landgerichts. Die Anklage wirft den beiden türkischstämmigen Männern vor, Selim Ö. heimtückisch und aus niederen Beweggründen getötet zu haben.

Aus Rache, weil das Opfer vor Jahren eine Affäre mit der Verlobten des älteren Angeklagten gehabt haben soll. Ramazan G. soll das spätere Opfer bereits seit geraumer Zeit gesucht haben, weil Selim Ö. laut Anklage mit der Verlobten des Angeklagten „und nach islamischem Recht angetrauten Frau in den 1990er Jahren eine Liebesaffäre gehabt und sie entjungfert haben soll“.

In einer Sisha-Bar in Neukölln sollen die Angeklagten ihr späteres Opfer bemerkt haben. Darauf soll Ramazan G. den mitangeklagten Önder C. angewiesen haben, Selim Ö. zu erschießen.

Selim Ö. hatte wohl viele Feinde

Als Selim Ö. die Bar kurz vor drei Uhr morgens verließ, soll Önder C. dem Mann gefolgt sein. Selim Ö. stieg laut Staatsanwaltschaft völlig ahnungslos in seinen Wagen, den er auf einem Supermarktparkplatz in der Braunschweiger Straße abgestellt hatte.

Als er den Wagen starten wollte, soll sich Önder C. von hinter an das Auto herangeschlichen, die Tür aufgerissen und mit einem Revolver aus kurzer Distanz sechs Schüsse auf den 35-Jährigen abgegeben haben. Selim Ö. wurde in Kopf und Oberkörper getroffen. Er verstarb noch am Tatort an seinen schweren Kopfverletzungen.

Die beiden Angeklagten schwiegen zu Prozessbeginn. Sie würden keine Angaben zu den Vorwürfen machen, erklärte ein Anwalt. In einer Prozesspause sagte eine Verteidigerin der Nachrichtenagentur dpa, sie halte das Motiv für konstruiert. Über den Erschossenen sei in dem Verfahren berichtet worden, „dass er viele Feinde hatte“. Selim Ö. soll der Polizei seit Jahren durch mehrere Straftaten, darunter Drogen und Gewaltdelikte, bekannt gewesen sein.

Önder C., der die Schüsse abgegeben haben soll, ist den Angaben zufolge nicht vorbestraft. Gegen Ramazan G. soll es Verfahren wegen Betrugs und Unterschlagung gegeben haben. Die beiden Männer waren zwei Wochen nach der Tat festgenommen worden. Indizien sollen die Ermittler auf die Spur der mutmaßlichen Täter geführt haben.

Für den Prozess sind insgesamt 14 Verhandlungstage angesetzt. 90 Zeugen sollen gehört werden. Das Verfahren wird am 5. November fortgesetzt. Ein Urteil soll am 17. Dezember gesprochen werden.