Lange Zeit ist in Berlin nichts Vergleichbares passiert – nun sind innerhalb von 15 Stunden gleich zwei Kinder im Verkehr gestorben. Bei vielen Erwachsenen ist die Angst groß: Kann ich mein Kind noch allein auf die Straße lassen? Oder sollte ich es von nun am immer im Auto fahren?

Am Mittwoch wurde ein Achtjähriger in Spandau von einem Lastwagen erfasst. Der Junge war gegen 7.30 Uhr mit seiner 30-jährigen Mutter und einer Bekannten mit dem Fahrrad auf dem Radweg an der Nauener Straße unterwegs. Laut Polizei bog ein Lkw bei Grün rechts in den Brunsbüttler Damm ab. Die Radfahrer wollten geradeaus, auch sie hatten Grün. Der 59-jährige Lkw-Fahrer übersah die Radler, die sich offenbar im toten Winkel befanden.

Der Junge geriet unter die Vorderachse des Fahrzeugs, sein Ranzen wurde auf die Straße geschleudert. Er starb am Unfallort. Ein Seelsorger betreute die Mutter und ihre Bekannte. Der Lkw-Fahrer erlitt einen Schock. Es war der zweite tödliche Abbiegeunfall in diesem Jahr, nachdem im Januar eine 52-jährige Radlerin in Schöneberg starb.

Tödliche Fehler bei der Bergung

Erst am Dienstag war ein 13 Jahre altes Mädchen gegen 16.30 Uhr in Rummelsburg unter eine Straßenbahn der Linie 21 geraten. Auch sie hatte ihr Rad bei sich. Die Schülerin stand zunächst mit dem Rücken zum Gleis und unterhielt sich mit einer Freundin. Als sie  sich von ihr verabschiedete, sich umdrehte und aufs Gleis ging, war plötzlich die Bahn da.

Als das Fahrzeug zum Stehen kam, lag das Kind rund vier Meter hinter dem Führerstand auf dem Gleis. Es hatte zwei Finger verloren, war aber bei Bewusstsein. Doch bei der Bergung soll es zu einem folgenschweren Fehler gekommen sein, der Berichten zufolge den Tod des Mädchens verursachte: Der technische Dienst der Feuerwehr hob die Bahn 2243 vom Typ GTZo, die leer 34 Tonnen wiegt, mit hydraulischen Hebern an. Plötzlich senkte sich der Straßenbahnwagen wieder ab und erschlug das Kind, wird berichtet.  

Die Polizei und ein Sachverständiger ermitteln nun, ob ein Fehler der Feuerwehr den Tod verursacht hat. „Nach jetzigem Stand sind keine erkennbaren Fehler gemacht worden“, sagte Feuerwehrsprecher Thomas Kirstein. Der in Marzahn stationierte technische Dienst müsse regelmäßig havarierte Straßenbahnen anheben: „Wir haben großes Interesse herauszufinden, wie es zu dem Unfall kommen konnte.“

20 Einsatzkräfte psychologisch betreut

Nach dem Unglück mussten 20 Einsatzkräfte der BVG und der Feuerwehr psychologisch betreut werden. Angehörige kamen zum Unfallort im Blockdammweg. Weil Passanten mit Handys filmten, wurde ein Sichtschutz aufgestellt. „Auch der Tramfahrer wird betreut“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz. Ein so traumatisches Erlebnis könne das „Ende einer Karriere“ sein.

Es sind schockierende Unfälle, die in Berlin die Zahl der Verkehrstoten dieses Jahres auf 19 steigen lassen. Doch Tatsache ist auch, dass Kinder selten verunglücken. Im vergangenen Jahr registrierte die Berliner Polizei fast 144 000 Verkehrsunfälle. In 917 Fällen waren Menschen unter 14 Jahren, die aktiv am Verkehr teilnahmen, betroffen. Ein Kind starb, 157 Kinder wurden schwer, 594 leicht verletzt. Zum Vergleich: 1993 kamen 21 Kinder ums Leben.

Dass die Zahlen sinken, hat nicht nur mit besserer Autotechnik und besseren Straßen zu tun. Kinder bewegen sich seltener als früher selbstständig im Verkehr, sagen Experten. Wer sich draußen nicht aufhält, kann dort auch nicht verunglücken.

Verband stellt Geisterräder auf

Nach den jüngsten Unfällen lebt die Diskussion wieder auf. „Es stimmt, Kinder sind eine Risikogruppe“, sagte Gabi Jung vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Doch die Schlussfolgerung dürfe nicht lauten, Kinder zu Hause zu halten oder nur noch im Auto zu fahren, warnte Jung.

Das Elterntaxi sei keine Lösung, sondern oft Teil des Problems – und es schaffe die Gefahren oft erst. Das zeige sich Tag für Tag vor vielen Schulen. „Dort herrschen häufig chaotische Zustände“, so Jung. „Eltern sind oft zu schnell unterwegs, weil sie in Eile sind. Vor der Schule halten sie in zweiter oder dritter Reihe.“ Das gefährde Jungen und Mädchen, die noch zu Fuß gehen.

„Es ist wichtig, dass Kinder früh lernen, selbstständig unterwegs zu sein“, sagte die BUND-Expertin. „Sie müssen auf den Verkehr vorbereitet werden. Das klappt nicht, wenn sie nur im Auto sitzen. Eltern sollten mit ihren Kindern Wege ablaufen und sie möglichst zu Beginn begleiten. „Sie sollten ihren Kindern mehr zutrauen.“ Aber auch Polizei und Verwaltung seien gefordert. Sie müssten konsequenter gegen Raser und Falschparker vorgehen: „Der Verkehr muss stärker überwacht werden.“

Berlins Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek, selbst Mutter, sagte: „Berlin braucht sicherere Straßen und endlich auch verpflichtende Abbiegeassistenten. Das ist keine Klientelpolitik, sondern unsere Pflicht.“

Der Verein Changing Cities ruft zu Trauerkundgebungen auf: am Donnerstag an der Köpenicker Chaussee/ Blockdammweg, am Freitag an der Nauener Straße jeweils um 17.30 Uhr. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club wird dort weiße Geisterräder aufstellen.