An dieser Kreuzung passierte der tödliche Unfall, an dem eine junge Radfahrerin und ein BVG-Bus beteiligt waren.
Foto: Morris Pudwell

Berlin-JohannisthalDer tödliche Unfall von Sonntagmittag passierte an einer ganz normalen Kreuzung. Der Verkehr in diesem Bereich ist vielleicht nicht optimal geregelt, aber die Kreuzung Groß-Berliner-Damm/Ecke Pilotenweg in Johannisthal gilt auch nicht als besonders gefährlich.

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Vor ein paar Jahren erst ist der Radweg rund 15 Meter vor der Kreuzung direkt neben die Fahrbahn verlegt worden, sodass sich geradeaus fahrende Radfahrer und Rechtsabbieger rechtzeitig sehen können. Und dennoch ist es passiert, dennoch wurde hier eine Radfahrerin von einem BVG-Linienbus überrollt.

Radfahrerin von BVG-Bus überrollt

Der Unfall zeigt einmal mehr, wie weit der Weg hin zur Vision Zero des Senats ist, dem Ziel von null Verkehrstoten. Nach dem Unfall am Sonntag trafen sich Demonstranten am Montagabend zu einer Mahnwache an der Unfallstelle in Johannisthal in Treptow treffen. Der Rad-Lobbyverein ADFC stellte am Unfallort ein weiß gestrichenes Fahrrad als Mahnsymbol auf.

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Anschließend radelten die Teilnehmer  zum Verkehrsministerium in die Invalidenstraße. Die 35-jährige Frau war von einem rechtsabbiegenden BVG-Bus der Linie 265 überrollt worden. Die Frau, die auf einem Rennrad unterwegs war, überlebte den Unfall nicht. Sie starb an Ort und Stelle. Wie genau es zur Kollision kam, ist unklar. Hat der Fahrer die Frau übersehen?

BVG-Bus verfügte über moderne Kamera-Technik

Der 265er war ein Citaro-Bus, Baujahr 2019. Er  gehört zu der neuesten Serie von zwölf Meter langen, einstöckigen Bussen von Mercedes, die über moderne Kamera-Technik verfügen. Diese soll beim Abbiegen helfen. Wenn der Busfahrer rechts blinkt, zeigt ihm ein Monitor, was rechts neben dem Fahrzeug passiert.

Die Polizei kann den Unfallhergang noch nicht rekonstruieren. „Die Ermittlungen laufen noch“, sagte ein Sprecher. Der Busfahrer und ein Passant, der das Geschehen beobachtet hatte, konnten noch nicht befragt werden. Sie erlitten schwere Schocks und kamen ins Krankenhaus. Während die Polizei ihre Arbeit macht, läuft eine Debatte über Verkehrspolitik heiß.

Versäumnisse der Unfallkommission?

„Es macht fassungslos und wütend, was in Berlin geschieht“, teilte Sophie Lattke vom Verein Changing Cities mit. Sie nimmt die Unfallkommission der Senatsverkehrsverwaltung in den Blick, die schwere Unfälle untersucht und Gefahrenstellen minimiert. „Was macht die Kommission eigentlich?“, fragt Lattke. „Sie scheint nicht verstanden zu haben, dass der Status quo keine Lösung ist.“

Es macht fassungslos und wütend, was in Berlin geschieht. 

Sophie Lattke vom Verein Changing Cities

Die Fahrradaktivistin erinnerte an einen Unfall mit einer Radlerin vor zwei Wochen. Am 8. Januar war am Kottbusser Tor in Kreuzberg eine 68-Jährige von einem rechtsabbiegenden Lastwagen überrollt und getötet worden. Es war die erste Radtote 2020. An der selben Stelle war knapp zwei Jahre zuvor eine Fußgängerin von einem rechtsabbiegenden Lastwagen getötet worden. In der Zwischenzeit war die Kreuzung baulich nicht entschärft worden.

An der Kreuzung in Johannisthal gab es nach Auskunft der Verkehrsverwaltung in den vergangenen drei Jahren einen Unfall mit Personenschaden: einen schwerverletzten Autofahrer – dazu kamen vier Unfälle mit Sachschäden. Die Unfallkommission hat die Kreuzung also bisher nicht im Fokus gehabt. Doch das soll sich ändern.

Fahrrad-Unfall mit BVG-Bus: Infrastruktur ist nicht das Problem

Am Dienstag werde „ein Prüfer aus der Abteilung Verkehrsmanagement die Begebenheiten aus Sicht der Unfallkommission prüfen“, sagte Jan Thomsen, Sprecher der Verkehrsverwaltung, am Montag. Doch schon jetzt ergebe eine erste Analyse, dass „bei dieser Kreuzung nicht die Infrastruktur das Problem“ sei.

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Unabhängig von den Ermittlungen der Polizei wirft der Unfall Fragen zum Miteinander von BVG-Bussen und Radfahrern in Berlin auf. Jeder Buslenker und jeder Radler wird Situationen kennen, in denen sie einander sehr nahe kommen. Oft fahren Radfahrer auf Busspuren, dort haben sie in der Regel Platz und sind geschützt vor Autos. Kommt dann aber ein Bus, kann es gefährlich eng werden. Das gilt besonders für Haltestellen, bei denen der Bus an den rechten Straßenrand muss, um Fahrgäste aus- und einsteigen zu lassen.

Konflikte sind programmiert, schwere Unfälle jedoch selten. Bei aller Trauer um die Tote von Johannisthal würdigt selbst der ADFC die verantwortungsvolle Arbeit der Busfahrer. „Von uns gibt es ein ganz großes Lob an die Fahrer“, sagt Sprecher Nikolas Linck. „Obwohl sie viel unterwegs sind, passiert zum Glück sehr selten etwas.“

BVG-Doppeldecker bekommen Abbiegeassistenten

Die BVG betreibt 156 Buslinien, auf denen  1500 Busse unterwegs sind – 1112 von ihnen verfügen über einen Abbiegeassistenten. Derzeit werden alle Doppeldecker damit ausgestattet. Zuletzt gab es zwei tödliche BVG-Unfälle: Am 5. Februar 2018 erfasste auf dem Steglitzer Damm ein Bus einen 85-Jährigen, der auf die Straße getreten war. Am 4. Oktober 2019 wurde am Zwickauer Damm in Rudow eine Rentnerin überrollt und getötet. Sie war bei Rot über die Ampel gegangen.

Zum Vergleich: Insgesamt legt die Busflotte der BVG jährlich rund 90 Millionen Kilometer zurück. Für BVG-Sprecherin Petra Nelken ist das ein schwacher Trost. „Wir sind mächtig erschüttert“, sagte sie am Montag der Berliner Zeitung.