Peter V. kommt an diesem Montag wie schon ein Kollege vor ihm mit Zeugenbeistand – einem Anwalt. Der Zeuge V. ist Professor an der Charité, Neurochirurg und einer der Ärzte, die den angeklagten Michael M. nach einem epileptischen Anfall im Mai 2019 behandelt haben. Auf die Frage eines Anwalts der Nebenkläger, ob er Michael M. empfohlen habe, das Auto demnächst stehen zu lassen, antwortet der Arzt bestimmt: Es sei nicht nur eine Empfehlung gewesen. Er habe seinen Patienten darauf hingewiesen, dass er nicht mehr Auto fahren dürfe. Eine Weisung also, nicht nur eine Anregung.

So verstand es der Angeklagte aber offenbar nicht. Dass er das Auto stehen lassen soll, das habe er immer als Empfehlung verstanden, nicht aber als Verbot, hatte Michael M. vor Gericht erklärt. Er muss sich vor der 42. Großen Strafkammer des Berliner Landgerichts wegen fahrlässiger Tötung in vier Fällen verantworten.

Michael M. soll am Abend des 6. September 2019 mit seinem SUV in der Invalidenstraße in Mitte in eine Gruppe von Fußgängern gerast sein und mit einer Kollisionsgeschwindigkeit von mehr als 100 Kilometern pro Stunde vier Menschen, darunter einen drei Jahre alten Jungen, getötet haben. Zu dem Unfall soll es laut Anklage durch einen epileptischen Anfall gekommen sein, bei dem Michael M. verkrampfte und das Gaspedal voll durchtrat. Der Angeklagte habe gewusst, so der Vorwurf des Staatsanwalts, dass er nach einem epileptischen Anfall im Mai und einer Tumoroperation am Gehirn im August 2019 nicht hätte Auto fahren dürfen.

Diskussionen um Fahrtauglichkeit in der Notaufnahme

Bei Michael M. war 2018 zufällig ein Hirntumor festgestellt worden, den er vermutlich schon lange Zeit hatte. Schon damals stellte er sich in der Neurochirurgie der Charité vor. Es habe keine Ausfälle bei Michael M. gegeben, auch keine epileptischen Anfälle, sagt Peter V. Bis zum 12. Mai 2019. Da erlitt der Mann zu Hause einen Krampfanfall, wurde vom Notarzt in die Rettungsstelle der Charité gebracht.

In der Notaufnahme, so sagt es der Professor, habe es Michael M. aber abgelehnt, stationär aufgenommen zu werden. Stattdessen habe er sich mit einem aktuellen MRT des Kopfes am Folgetag in seiner Sprechstunde vorgestellt.

Der Tumor habe trotz des Anfalls keine Änderungen aufgewiesen, sagt der Mediziner. Er habe den Patienten aufgeklärt, dass er nun Medikamente nehmen und sich bei einem Neurologen vorstellen müsse. Er habe dokumentieret, dass er den Patienten über dessen Fahruntauglichkeit informiert habe – für zunächst drei Monate. Das sei im Patientenbrief deutlich festgehalten worden, sagt Peter V. Zudem, so der Zeuge, habe er all das Michael M. ein- oder zweimal mehr erklärt als gewöhnlich. Peter V. begründet es damit, dass es schon in der Notaufnahme tags zuvor Diskussionen um eine Fahruntauglichkeit gegeben habe.

Nach Angaben des Arztes stellte sich Michael M. ein paar Wochen später nochmals bei ihm vor. Dabei sei es um eine mögliche Operation gegangen. Er habe dem Patienten einen Termin für den Eingriff noch im Sommer angeboten. Die Kausalität zwischen Tumor und Anfall sei auf den ersten Blick offensichtlich gewesen, sagt Peter V.

Er bestreitet, dem Patienten versprochen zu haben, dass das Anfallsleiden mit einer Tumoroperation geheilt werden könne. Zu einer detaillierten Aufklärung für die Operation sei es nicht mehr gekommen, da sich Michael M. nicht mehr gemeldet habe.

Erst nach dem Unfall erfuhr der Professor, dass sich der Angeklagte Anfang August 2019 in einer Schweizer Klinik operieren ließ. Er habe den Kollegen in der Schweiz angerufen, weil er es ungewöhnlich gefunden habe, dass Michael M. so kurz nach der Operation wieder Auto gefahren sei. Er wisse nicht mehr, ob er bei diesem Gespräch das Fahrverbot thematisiert habe, sagt Peter V.

Weitere Ärzte von Michael M. als Zeugen geladen

Michael M. hatte vor Gericht erklärt, er habe geglaubt, nach der Operation am 7. August 2019 geheilt zu sein und keine epileptischen Anfälle mehr erleiden zu müssen. „Für mich war das Thema epileptischer Anfall erledigt. Das gab es nicht mehr, als ich die Schweiz verlassen habe“, sagte er. Er habe sich gut gefühlt, sei schon vor dem schweren Unfall für kurze Strecken ins Auto gestiegen. Zudem sei er davon ausgegangen, derartige Krampfanfälle, so sie doch noch auftreten sollten, frühzeitig bemerken und kontrollieren zu können.

Am nächsten Montag ist der Schweizer Arzt geladen, der den Angeklagten operiert hat. Der behandelnde Neurologe, den Michael M. nach der Hirn-Operation aufsuchte, wird Anfang Dezember als Zeuge vor Gericht erwartet. Er soll seinen Patienten wenige Tage vor dem folgenreichen Unfall darauf hingewiesen haben, dass er sogar ein Jahr anfallfrei sein müsse, um sich wieder ans Steuer seines Autos setzen zu dürfen.