Die beiden Ärzte Babett R. (l.) und Klaus V. (r.) sitzen neben ihren Anwälten. 
Foto: Olaf Wagner

BerlinDie beiden angeklagten Frauenärzte, die im Juli 2010 bei einem Kaiserschnitt nach der Geburt eines gesunden Mädchens den kranken Zwilling mit Kaliumchlorid totspritzten, sind am Dienstag wegen Totschlags im minderschweren Fall verurteilt worden. Die Oberärztin einer Berliner Geburtsklinik erhielt ein Jahr und sechs Monate Freiheitsentzug, ihr damaliger Chefarzt eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten. Die Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Babett R. und Klaus V., zwei Mediziner mit glänzender Karriere, wie es der Vorsitzende Richter Matthias Schertz ausdrückt, hätten damals im Kreißsaal eine rote Linie überschritten. Selbst jeder Feld-, Wald- und Wiesenarzt habe wissen müssen, dass es verboten sei, ein Kind im offenen Mutterleib totzuspritzen.

Die Ärzte hatten am 12. Juli 2010 bei einer 27-jährigen Frau, die in der 32. Schwangerschaftswoche war, die Geburt mit einem Kaiserschnitt eingeleitet. Sie brachten um 5.20 Uhr ein gesundes Mädchen zur Welt. Dann klemmten sie dem schwer hirnkranken Zwilling noch im Mutterleib die Nabelschnur ab und spritzten Kaliumchlorid in die Nabelvene. Es kam wie gewollt zum Herztillstand, das Kind wurde um 5.30 Uhr tot geboren.

Risikoschwangerschaft

Bei der 27-jährigen schwangern Patientin war im Mai 2010 diagnostiziert worden, dass es sich um eine Risiko-Zwillingsschwangerschaft handelt. Beide Föten entwickelten sich in einer Plazenta und litten an einem sogenannten fetofetalen Transfusionssyndrom. Dabei werden beiden Föten nicht gleichmäßig mit Blut versorgt. Bei einem Zwilling wurde wenig später  eine schwere Hirnschädigung festgestellt.

Die Mutter der Kinder hatte sich nach Beratung zu einem selektiven Fetozid entschlossen, der Tötungs des kranken Zwillings. Das ist laut Gesetz bei einem schwerkranken Fötus bis zur Geburt möglich - in diesem Falle bis zum Öffnen der Gebärmutter.

Die Ärzte hatten zu ihrer Verteidigung erklärt, sie hätten mit dem Spritzen des Kaliumschlorids noch im Mutterleib auch den gesunden Zwilling gefährdet und mit dem Kaiserschnitt das Risiko für das gesunde Kind minimieren wollen. Diese Argumentation ließ das Gericht nicht gelten. Mit der Geburt des gesunden Zwillings  sei von dem kranken Kind keine Gefahr mehr ausgegangen.

Vereinbarung mit Mutter

Laut Schertz spritzten die Ärzte  das tödliche Kaliumchlorid, obwohl sie ganz genau gewusst hätten, dass es sich nicht mehr um eine Abtreibung gehandelt habe. Man habe die Vereinbarung mit der Mutter "um jeden Preis" umsetzen wollen. Der Tod des kranken Zwillings sei von vornherein geplant gewesen.

"Wir schließen aus, dass die Angeklagten die rechtlichen Grenzen nicht gekannt haben", sagt Schertz in der Urteilsbegründung. Er spricht von Aussortieren eines kranken Kindes am offenen Mutterleib. Das sei nicht hinnehmbar und ein Schlag ins Gesicht behinderter Menschen.

Wie der Richter betont, hätten die Ärzte sehr wohl jegliches Risiko ausschließen können: Mit der Geburt eines gesunden und eines behinderten Kindes.

Schertz sagt, die Kammer habe sich zu einem Totschlag im minderschweren Fall entschlossen, obwohl die Mediziner durchaus planvoll und gemeinschaftlich gehandelt hätten. Für die Angeklagten spreche, dass der Fall neun Jahre zurückliege. Zudem müsse Babett R., die noch immer als Oberärztin an der Klinik arbeitet, mit dem Entzug der Approbation rechnen. Klaus V. ist seit 2012 im Ruhestand.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Verteidiger der Ärzte kündigen an, mit ihrer Revision vor den Bundesgerichtshof zu ziehen.