Toiletten in Berlin: Früher ein Klo, heute Café Achteck

Berlin - Wir können uns dem Thema ganz einfach und drastisch nähern. „Gesoffen wird oft, gepinkelt wird immer“ – so ist es ja nun mal, und deshalb hat die Stadt Berlin an wichtigen und öffentlichen Plätzen Bedürfnisanstalten errichten lassen. Nein, nein, wir schreiben jetzt hier nicht von den funktionalen, nüchternen Wall-Neubauten, in denen man immer das schreckliche Gefühl hat, dass die Automatiktür vor der Zeit aufgeht, und man dann halb entblößt im Freien sitzt.

Hier geht es noch um architektonische Kleinode, wie sie vor mehr als 100 Jahren üblich waren. Der Klassiker in der Bedürfnisbranche war damals wohl das Modell, das später im Volksmund auch als Café Achteck firmierte. Ein grüner, achteckiger Metallpavillon, der zumeist nur den Herren zur Erleichterung diente (die waren damals ja auch viel häufiger draußen und soffen mehr). 1879 wurden die beiden ersten Modelle aufgestellt.

Aber es gibt auch andere Modelle, die wegen ihrer architektonischen Formen beeindrucken. An der Kantstraße, unweit des Amtsgerichtes, steht ein altes WC-Haus, das eher an eine kleine Schweizer Almhütte erinnert. Gepinkelt – jedenfalls ausschließlich – wird dort schon lange nicht mehr.

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Ben Aziza hat das leerstehende Klo-Häuschen bereits in den 70er Jahren erworben und ordentlich investiert. Zunächst hat der gebürtige Tunesier einen Blumenladen eröffnet. Seit 2006 kocht der 54-Jährige dort. Sein Mini-Lokal mit knapp 20 Plätzen heißt Le Couscous. Dort gibt es die nordafrikanische Spezialität aus Gries zum Beispiel mit Lammfleisch schon für 7,80 Euro. Vorbehalte wegen Essen in einem Klohäuschen? „Die gab es vielleicht am Anfang, aber jetzt nicht mehr“, sagt Aziza. Im Gegenteil, jetzt hat er Stammkunden.

Exotisch, was die Küche betrifft, geht es auch im früheren Pissoir am Kottbusser Damm zu. Direkt am Kino Moviemento, gibt es seit Juli 2011 Spezialitäten aus dem Sudan. Und, der Laden ist voll, es gibt Mish (Quark mit Bockshornklee und Schwarzkümmel), Nilfinger (Gemüsestäbchen in Brot), eben schöne Sachen. Bei der Nachfrage nach dem Betreiber des Nils wird es doch eher schwierig. Die Kundschaft mit Migrationshintergrund ist da nicht so ganz aufgeschlossen.

Die Telefonnummer vom Besitzer, da ist man erst einmal verstockt: „Mach’ kein Scheiß, Alter“, und sogar Gentrifizierung, ausgelöst durch einen Artikel, wird von den Herren, die vor dem Imbiss abhängen, befürchtet. Aber dann ist der Erfolg da, am Telefon meldet sich Walid ElSayed, ein Sudanese, der seit 30 Jahren in Deutschland lebt.

Burger und französische Spezialitäten

Und ganz so schlimm kann es mit der Gentrifizierung nun doch noch nicht sein. Denn ElSayed hat mittlerweile drei sudanesische Lokale in der Stadt, die alle Nil heißen. Trotzdem ist sein Urteil, was den Standort des Nils am Kottbusser Damm betrifft, verhalten. „Das geht so, aber es gibt hier zu viele Imbissmöglichkeiten.“ Da hat er wohl recht, Döner-Buden und türkische Bäckereien dominieren, die weibliche Kundschaft trägt das obligate Kopftuch.

Wer nun aber glaubt, die alten maroden Klo-Buden wären nur für das Imbiss-Geschäft geeignet, sitzt einer Illusion auf. Natürlich sind die früheren Bedürfnisanstalten gut für den schnellen Hunger – beispielsweise die Bude, die allerdings rechteckig ist, und am Schlesischen Tor, direkt unter dem U-Bahn-Viadukt steht.

Burgermeister heißt der Laden. Da schuften drei Köche im Akkord. Für Touristen ist das offensichtlich ein Muss – die „Meista Burger“ für 3,80 Euro gehen wie am Fließband weg. Auch bei Regen – da kann man unter einem scheußlichen Vorbau Schutz suchen.

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Aber wie gesagt, die Ex-Klo-Häuschen sind für nichts zu schade. Einige Kilometer entfernt, in Friedrichshagen, wird in einem alten WC-Haus im Müggelpark französische Küche gereicht. Domaines heißt das Lokal, und egal, wie die Vergangenheit war, es empfiehlt sich durchaus, vorab zu reservieren. Denn die 20 Gäste können direkt auf den Müggelsee und die Müggelspree blicken und dazu eine Bouillabaisse für 14,50 Euro genießen. Seit neun Jahren gibt es das Französische Café und Restaurant, davor stand das alte Klohäuschen leer.

Abriss verhindert

Ein paar hundert Meter entfernt, am Marktplatz in der Bölschestraße, neben dem Denkmal des Alten Fritz, steht das nächste Klohäuschen, und das ist auch noch in Betrieb. Also, dort kann man seinen Bedürfnissen nachkommen. Trotzdem ist die Grundfläche vor einigen Jahren noch mal optimiert worden. Auf gut zehn Quadratmetern steht jetzt Jens Schulze und verkauft Theater- und Konzertkarten. „Das ist dafür ein guter Platz“, sagt er.

Zum Glück hatte eine Bürgerinitiative nach der Wende verhindert, dass das Toilettenhaus einfach abgerissen wurde. Denn der kleine Spitzdachbau erleichtert nicht nur den Markthändlern und ihren Gästen das Leben und sorgt für ein entspanntes Einkaufen, Touristen erwerben dort auch ordentlich Veranstaltungskarten.

Die Wall AG hatte das WC-Haus für viel Geld sanieren lassen. Das Unternehmen besitzt in der Hauptstadt das Toiletten-Monopol. 243 Anlagen werden von Wall betrieben, darunter sind 168 hochmoderne City-Toiletten, aber auch noch 13 alte, sogenannte Cafés Achteck und sechs City-Pissoirs.