Für ein paar Euro pro Monat den Nahverkehr nutzen – möglicherweise sogar bundesweit mit nur einem Ticket. Dieses Top-Angebot rückt nun näher. Der 1. Juni 2022 soll der Starttermin für das angekündigte Neun-Euro-Monatsticket sein. Das sagte Eike Arnold vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) am Montag der Berliner Zeitung. Einige Entscheidungen seien zwar noch zu treffen. Aber Arnold und andere Experten schließen nicht aus, dass das neue Nahverkehrsticket in ganz Deutschland gelten wird. Damit werde es auch für weitere Fahrten interessant sein.

„Noch sind auf vielerlei Ebenen Dinge zu klären“, so Arnold. „Doch wir setzen alles daran, dass wir für den 1. Juni 2022 den Fahrgästen und denen, die es werden wollen, ein Angebot unterbreiten.“ Das Neun-Euro-Monatsticket soll es digital, an Automaten und am Schalter geben. Mit der neuen Fahrkarte, das in Berlin zum Beispiel bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), in der S-Bahn und in Regionalzügen gelten würde, möchten die Verkehrsunternehmen mehrere Gruppen ansprechen.

Stammkunden müssen sich noch etwas gedulden

„Da sind die Pendlerinnen und Pendler, die derzeit noch mit dem Auto zur Arbeit fahren, sich aber angesichts steigender Kraftstoffkosten nach Alternativen umsehen. Da sind die Zweitwagenfahrer, die auf dieses Fahrzeug verzichten wollen und auch können“, berichtete der stellvertretende Sprecher des VDV. „Da sind die früheren Nahverkehrsnutzer, die während der Corona-Pandemie Busse und Bahnen seltener frequentiert haben, jetzt aber im wahrsten Sinne des Wortes wieder einsteigen wollen. Neukunden gewinnen, Menschen zum Umsteigen bewegen, aber auch frühere Kunden zurücklocken: Dafür ist das Neun-Euro-Monatsticket eine große Chance.“

Doch auch in Berlin sind viele Stammkunden unterwegs – Abonnenten und Nutzer von Jahreskarten. Die treuen Bus- und Bahnnutzer sind ökonomisch wichtig, weil sie in vielen Fällen hohe Beiträge im Voraus überweisen, mit denen die Betriebe kalkulieren können. Diese Kunden müssen sich noch etwas gedulden, hieß es beim VDV. „Unseren Stammkunden werden wir ebenfalls etwas anbieten können, und sie werden sich nicht extra darum kümmern müssen“, sagte Eike Arnold. „Geplant ist, dass ihnen für die drei Monate jeweils die Differenz zwischen neun Euro und dem tatsächlich gezahlten Betrag zurückerstattet wird.“

Keine Einnahmeverluste im Fernverkehr der DB befürchtet

„Wichtig für uns ist, dass für das Neun-Euro-Ticket eine Lösung gefunden wird, die für die Kundinnen und Kunden attraktiv und für die Verkehrsunternehmen und -verbünde praktikabel ist“, betonte der Sprecher. „Noch ist nicht endgültig entschieden worden, in welchen Geltungsbereichen die vergünstigten Monatskarten angeboten werden. Wir empfehlen als Branchenverband, dass sie bundesweit – also für ganz Deutschland – gelten und nicht auf Städte, Verbünde oder Länder beschränkt werden.“ Für eine solche übergreifende Lösung spräche, dass zahlreiche Pendlerinnen und Pendler in Deutschland tagtäglich über Ländergrenzen hinweg unterwegs sind.

„Wir erwarten, dass die zahlreichen guten Regionalzugverbindungen, mit denen Fahrgäste auch längere Strecken zurücklegen können, häufiger frequentiert werden“, sagte Arnold. „Wir gehen aber nicht davon aus, dass die Einnahmen im Fernverkehr in sehr hohem Maße leiden werden. Nur wenige pendeln tatsächlich mit Regionalzügen von Hamburg nach München.“

VBB-Chefin tritt in zwei Wochen ihr neues Amt an

Dass es in den Bussen und Bahnen eng wird, erwarten die Verkehrsunternehmen nicht. Noch immer hätten die Fahrgastzahlen nicht das Vor-Corona-Niveau erreicht, hieß es. Da das Angebot nicht eingeschränkt wurde, seien zu manchen Zeiten noch Plätze frei.

Noch unklar ist, was geschieht, wenn das Sonderangebot endet. Dann werden vor allem länder- und verbundübergreifende Fahrten zum Teil wieder deutlich teurer, gab ein Experte zu bedenken. Auch die Zersplitterung vieler Landesteile in unterschiedliche Verkehrsverbünde könnte erneut spürbar werden. Fachleute erwarten, dass die Diskussion über eine grundlegende Neuorganisation des Nahverkehrs in Deutschland zum Spätsommer intensiver werden könnte.

Beim Brandenburger Ministerium für Infrastruktur in Potsdam zeigte man sich deutlich zurückhaltender als beim Branchenverband VDV. „Es sind zunächst zahlreiche Detailfragen und Konkretisierungen durch den Bund zu klären. Dazu gehören die Finanzierung, die Abwicklung, der Geltungsbereich und vieles mehr“, sagte Katarina Burkardt, Sprecherin von Minister Guido Beermann (CDU). „Auch wie mit bisherigen Abos zu verfahren ist, ist noch offen. Uns sind die Bestandskunden natürlich besonders wichtig und wir setzen uns im Rahmen der Verhandlungen zwischen Bund, Ländern und Verbänden dafür ein, passgenaue Lösungen für sie zu finden.“

Erwartet wird, dass das Bundesverkehrsministerium an Kompetenz auf dem Feld des Nahverkehrs gewinnt. Susanne Henckel, die sich am vergangenen Freitag beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) von ihrem Geschäftsführerposten und der Belegschaft verabschiedete, soll dem Vernehmen nach in zwei Wochen ihr neues Amt bei Volker Wissing (FDP) antreten. Sie wird neue Staatssekretärin.

S-Bahn-Chef Peter Buchner begrüßte das Vorhaben. „Die großartige Initiative (9€ für 90) der Bundesregierung die Verkehrswende durch ein besonders kostengünstiges ÖPNV-Ticket zu fördern und damit auch die Bevölkerung zu entlasten (Stichwort: gestiegene Energiekosten), wird gerade im Detail ausgearbeitet“, schrieb er bei Linkedin. „Auch wenn das ‚was genau‘, ‚wann‘ und „für wen, wie“ noch nicht klar ist, eines ist sonnenklar. Das Angebot richtet sich an alle.“

„Es schafft mit seinem logischen Grund - dem super günstigen Preis - einen starken Kaufanreiz“, so Buchner weiter. „Doch die meisten Menschen werden wir nicht mittelfristig zu treuen ÖPNV-Kunden: innen machen, wenn wir Ihnen nicht auch emotionale Kauf-/Nutzungsgründe näher bringen und diese erlebbar machen. Wir brauchen einen Ansatz, wo sowohl der Kopf als auch das Bauchgefühl JA sagt, das tolle Angebot im öffentlichen Nahverkehr in der Großmetropole Berlin langfristig aktiv zu nutzen.“