Berlin - Nein, Gregor Weichbrodt und Grischa Stanjek stehen nicht auf Models. Sie schauen auch keine Casting-Shows, weil sie nämlich gar keinen Fernseher haben. Von Heidi Klums Show „Germany’s next Topmodel“ haben sie gehört, bei Freunden auch schon mal reingeschaut. Was sie sahen, gefiel ihnen absolut nicht. „Das Konzept ist verwerflich, ekelhaft“, sagt der 22-jährige Stanjek. „Es geht nur darum, das verwertbarste Mädchen zu finden.“

Trotzdem haben sich die beiden Kommunikationsdesign-Studenten von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Oberschöneweide eingehend mit der Sendung beschäftigt. Alles fing im Sommersemester mit einer Seminararbeit im Fach Typographie und Layout an. Die Studenten sollten ein Buch gestalten, mindestens 50 Seiten, Inhalt egal. Während ihre Kommilitonen Gedichtbände und Kochbücher kopierten, wollten Stanjek und Weichbrodt lieber Fernsehen in Buchform pressen. Und landeten bei Model-Mama Heidi und ihren Mädchen. Sie beschlossen, aus dem Finale der Pro-Sieben-Show ein Drama zu machen. Das passe irgendwie, „weil die Show eine einzige Inszenierung ist“.

Fotos statt Werbung

Mit Kopfhörern saßen die Studenten vor dem Rechner und sahen sich die gut zweistündige Livesendung im Internet an – stundenlang, wieder und wieder, über mehrere Tage hinweg. Sie spulten vor, spulten zurück, tippten jedes einzelne Wort ab. Frau Klums Worte fraßen sich ihnen mantramäßig ins Hirn. „Sie sagt ständig, dass nur eine Germany’s next Topmodel werden kann“, sagt Stanjek. Weichbrodt ergänzt: „Und diese blöden Übertreibungen der Juroren: Wooow! Guck dir diese Hüften an!“

Nachdem die Show transkribiert war, haben die Studenten sie wie ein klassisches Drama gestaltet – unterteilt in sechs Aufzüge, inklusive aller Dialoge und Versprecher, versehen mit Regieanweisungen wie „Heidi und Jorge geben sich Küsschen“, unaufhörlich hinarbeitend auf die Klimax: den Auftritt von Lady Gaga „gleich nach der Werbung“. Anstelle der Werbeunterbrechungen sind im Buch abstrakte Fotos zu sehen.

Nach zwei Monaten war das 120-Seiten-Buch im Stil eines gelben Reclam-Hefts fertig. „Der Widerspruch hat uns gefallen. Eine inhaltsleere Sendung wird in die Form großer Weltliteratur gebracht“, sagt Weichbrodt. Das Buch sieht er als Parodie. Die puristische Gestaltung und die Konzentration auf den Text demaskiere die Oberflächlichkeit und Inhaltsleere der Show, vor allem, wenn man die penetrante Stimme der Moderatorin nicht höre.

Bislang nur zwei Exemplare

Weil Freunde ihre Idee lustig fanden, haben sich Stanjek und Weichbrodt vor ein paar Tagen überlegt, das Buch in einem Internetblog vorzustellen. Über Facebook und Twitter verbreitete sich die Nachricht in Windeseile. Plötzlich wollen Hunderte Leute das Buch kaufen. Lehrer rufen an, die es im Deutschunterricht einsetzen wollen. Literaturagenten melden sich, die ein Geschäft wittern. Doch bislang gibt es nur zwei Exemplare – eins liegt an der Uni, eins haben die Studenten. Sie suchen jetzt einen Verlag. Interessiert sind einige, auch große Häuser. Doch die Rechtslage ist schwierig. Die Meinungen gehen auseinander, ob so eine Abschrift das Urheberrecht verletzt oder ob das Heft unter künstlerische Freiheit fällt.

Der Reclam-Verlag jedenfalls will wegen der Layout-Ähnlichkeit nicht klagen, das Buch aber auch nicht ins Programm nehmen. Die Idee sei originell, der Inhalt aber zu weit entfernt vom Bildungsprogramm des Verlags. Heidi Klum passt halt nicht zwischen Goethe und Schiller. Sollte es mit dem großen Bestseller nicht klappen, haben die Studenten dennoch einen kleinen Erfolg verbucht. Ihr Dozent war von ihrem Werk begeistert und gab ihnen die Note 1,0.

Der Text im Netz: http://issuu.com/grischka