Berlin - Alle reden immer von der Zukunft, als finde diese irgendwann statt. Dabei ist Zukunft das, was auf einen zukommt, egal wann. Vielleicht kippt man in drei Minuten den Kaffeebecher über die Computer-Tastatur. Vielleicht hat man in fünf Stunden Feierabend, wenn nicht vorher der Chef kommt und sagt: „Eh, du musst noch die Küche ausfegen!“
Manchmal hat die Zukunft aber auch längst schon begonnen. So wie in dieser Woche, als japanische Forscher die Erlaubnis bekamen, eine Chimäre zu erzeugen, wie man überall lesen konnte. „Eine wat?“, fragt mein innerer Berliner, „eine Schi-Mähre? Da stell ick mir ’n ollet, abjehalftertet Ferd vor, wat uff Schian steht und ’n Hang mit Schnee runterfährt.“ – Mein Gott, der kann auch nur rumblödeln!

Dabei geht es um eine ernste Sache. Eine Chimäre ist ein Mischwesen. Die ägyptische Sphinx von Gizeh – in der Fachsprache übrigens „der“ Sphinx! – ist zum Beispiel ein Löwenkörper mit Menschenkopf. „Und so wat wolln die in Japan machen?“, fragt mein innerer Berliner. „Dit wär cool. Kann ick mir’n Vieh aussuchen? Dann wär ick jern een Vorel. Meen Kopp kommt uff’n Adler ruff, und denn muss ick nich mehr mitte S-Bahn fahrn. Denn fliej ick einfach zur Arbeet, imma de Spree lang.“

Jaja, denk ich, aber dann müsstest du dir auch einen anderen Beruf suchen, denn mit Adlerkrallen lässt sich schlecht die Computer-Tastatur bedienen. Vielleicht könnte man ja DHL-Adler werden und Pakete über Balkons abwerfen. Oder als Polizei-Adler aus der Luft die Dealer am RAW-Gelände beschießen. Wenn man vorher ordentlich Fisch frisst, ist das sicher sehr effektvoll.

Mischwesen aus Mensch und Tier: Schweine-Stammzellen in die Hüfte implantieren? 

Aber zurück zu den Japanern. Bei denen geht es gar nicht um eine klassisches Mensch-Tier-Wesen.

Sondern um Versuche, Tierembryos zu erzeugen, in denen eine Bauchspeicheldrüse aus menschlichen Zellen heranwächst – als eventuelle künftige Möglichkeit, medizinische Ersatzorgane zu züchten. Wofür es ja auch Bedarf gibt. Die Versuche finden mit Mäusen und Ratten statt. Später einmal sollen vielleicht Schweine folgen.

Natürlich ist die Aufregung groß. Kritiker warnen vor einer Vermischung von Mensch und Tier. Dabei werden bereits heute Schweineherzklappen in Menschen verpflanzt, und kaum jemand regt sich darüber auf. Der Deutsche Ethikrat nimmt jedenfalls etwas Dramatik aus der Sache. Echte Zell-Kreuzungen zwischen Mensch und Tier soll es nicht geben, heißt es. Falls so etwas passiere, würden die Versuche sofort abgebrochen.

„Wer’t gloobt, wird selich“, meckert mein innerer Berliner. „Und die armen Ratten und Schweine. Die fracht doch ooch keena, ob se mit ’nem menschlichen Orjan rumloofen wolln. Und denn wern se jeschlachtet, damit wir weiterlehm könn. Dit is doch Missbrauch!“

Klar, denke ich, da hat er recht. Wie so vieles, was wir Menschen den Tieren antun, wir Doppelmoralisten. Ich kann mir schon richtig vorstellen, wie das Thema am Wochenende im Kleingartenverein „Stolze Primel“ diskutiert wird, während auf dem Grill billigste Fleischprodukte aus dem Discounter brutzeln. „Also, wat se mitte Tiere machen, die Japana, is schon kriminell.“ – „Recht haste, Jünta, jib ma noch ’ne Wurscht rüba!“
Mein Vorschlag wäre, künftig das Steak und die Schnitzel am Menschen selbst zu züchten.

Man könnte sich Schweine-Stammzellen in die Hüfte implantieren lassen. Vor dem Grillabend geht man zum Chirurgen und lässt sich das Ganze absäbeln. Wenn ich mich so umschaue, sehe ich: Nachschub an Bauchspeck für den Grill gibt es jetzt schon genug