Torstraßenfestival: Her mit dem Leben auf der Torstraße!

Berlin - Das Torstraßenfestival beginnt mit einer umgekippten Flasche, aus der bittersüße Zitronenlimo auf den Holzfußboden im St. Oberholz fließt. Was dann über dieses Café hineinbricht, das in den vergangenen Jahres für so vieles als Symbol herhalten musste, was es über die neue Mitte Berlins zu sagen gab, hätte man ahnen können, wäre man dem Instinkt gefolgt, vom Bandnamen auf die Musik zu schließen: Zentralheizung of Death (des Todes). Das verspricht nichts Leises.

Es ist der früher Samstagnachmittag, mehr als dreißig Künstler werden bis in den Abend hinein Konzerte spielen, in den Cafés, Kneipen und Clubs, die auf dieser Straße liegen, die auf den ersten Blick nur zum Durcheilen taugt, ein vierspuriges Rauschen zwischen schmutzigen Häuserfassaden, die den Schlendernden schneller werden und abbiegen lassen, nach rechts in den heimeligen Prenzlauer Berg, nach links zu den schicken Mitteboutiquen. Bloß weg.

Es braucht ein Festival wie dieses, das nun schon zum dritten Mal zeigt: Diese Straße, die hat was, die lebt, da ist vieles, für das sich stehen zu bleiben lohnt.

Das St. Oberholz zum Beispiel, wo jetzt die Zentralheizung des Todes auf ihre Instrumente eindreschen, saßen doch die Ersten, die ihre Tage mit Laptops und Latte macchiato und irgendwie Kreativ-Sein verbrachten, Bohème und digital, avantgardistisch, aber leider auch ziemlich prekär. Noch prekärer waren nur die Junkies, die sich aus dem Weinbergspark auf die Toiletten im Obergeschoss schlichen, ehe Razzien sie weiter die U8 hinunter gen Kotti trieben. Dann kamen die Nerds, ebenso kreativ, aber mit einem Businessplan in der Tasche, die im St. Oberholz die Zukunft erfanden und endlich das, was aus dem Laptop kam, zu Geld machten.

Aber weiß eigentlich noch jemand, dass auf den Holzdielen sich einst die Arbeiter besoffen, in einer Bierhalle namens Aschinger? Egal, ist lange her, und gerade vertreibt brachiale Garagenpunk jeden sinnvollen Gedanken. Es bleibt der erste Eindruck von der Torstraße: Sie ist rotzig und laut und dreckig.

Ein Boulevard ohne Flanierweg

Stimmt aber nicht. Im Schokoladen, fünf Minuten zu Fuß vom St. Oberholz entfernt, vorbei am Pizzaimbiss, am Vietnamesen, an der Schlange vor der Sparkasse, da steht einer auf der Bühne der zunächst einmal nicht viel zu tun hat mit der Torstraße, sieht man einmal davon ab, dass er in seiner Heimatstadt Helsinki als Tramfahrer arbeitet, und auf der Torstraße rattert ja genau da eine Tram entlang, wo ein echter Boulevard einen Flanierweg hätte.

Jaako Eino Kalevi aber passt dann doch perfekt zu dieser Straße, rein äußerlich, weil er diesen Look hat, den man nur in Berlin-Mitte versteht, ein sackiges Achtzigerjahresakko, Hochwasserhosen, langes Haar, das er vor sein Gesicht fallen lässt. Und auch musikalisch: Seine verspulten Synthiebeats, gesampelt aus Disco und New Wave, die sind so gut gelaunt, sein sirenenhaft hochgepitchter Gesang dazu so leicht, dass man die kindliche Fröhlichkeit dieser Stadt ganz wunderbar in seiner Musik vertont findet.

Durch den Hinterhof des Schokoladens führt der Weg in den Underground, in den Ackerstadtpalast, wo der New Yorker Rapper Black Cracker auf der Bühne steht. Es geht vorbei an den alten Plakaten: „Kommt alle zur Räumung am 22.02.2012“. Wir sind also an einem Ort, den es eigentlich nicht mehr geben dürfte, weil ein neuer Eigentümer den Schokoladen mal rausschmeißen wollte, samt des Theaters im Hinterhof.

Vor dessen Eingang stehen Popcorn-Tüten auf den Tischen mit der Aufschrift: „Her mit dem süßen Leben. Die Linke“. Das sorgt gerade für ein wenig Ärger, weil niemand genau weiß, wer der Linken erlaubt hat, hier Wahlkampf zu machen, dabei passt doch die Botschaft so gut, das süße Leben, dafür kämpfen doch alle hier. Auch wenn die nächsten Jahre per neuem Mietvertrag gesichert sind, Gentrifizierung ist das große Thema dieser Straße.

Black Cracker steht in einem Strahlenkranz aus bunten Neonröhren, rasselt Geschichten hinunter, die davon handeln, dass er Regenbogen jagt, und zappelt zu den fetten Bässen. Black Cracker ist vom Hermannplatz hierher gekommen, wo er zur Zeit lebt und wo sich Berlin heute so roh anfühlt, wie die Torstraße einmal war.

Aber auch wenn sie immer teurer und glänzender wird, was bleibt ist ihre Melancholie, man sieht sie jetzt gut, weil es draußen nieselt und es so richtig schön trist geworden ist. Der Soundtrack dazu kommt von Allie, einem schmalen Jungen, der in der Z-Bar sitzt, per Knopfdruck Nebel auf die Bühne pusten lässt und Trauriges ins Mikrofon haucht.

Vorne an der Bar indes steht eine junge Frau mit iPad im Arm und versucht sich ein Bild zu machen, wie so ein Partyleben die Menschen, die dort wohnen, beeinflusst. Sie kommt von der Hochschule der populären Künste, aus all den Antworten, die sie auf einem digitalen Fragebogen von den Besuchern des Festivals einsammelt, soll eine Studie werden, die erste empirische Datensammlung zu Lärm und Müll und was sonst noch zu diesem Partyleben gehört. Die Torstraße in Zahlen. Eine Frau am Tresen tippt das Wort Toleranz in das iPad.

Längst gehört die Torstraße auch den Touristen, die am frühen Abend ausgehfertig aus den Hostelzimmern am Rosenthaler Platz hüpfen, wieder hinein ins St. Oberholz, wo das Jeans Team zu Ballermann tauglichen Stumpfsinnbeats hin und wieder intelligente Texte singt. Auf der Straße in der Menge spannen sich Leihregenschirme vom Amano-Hotel über die gutfrisierten Köpfe schicker Münchnerinnen, ein Flaschensammler wuselt durch die Beine des Publikums und macht das Geschäft seines Wochenendes. In diesem Moment ist alles irgendwie ziemlich gut auf der Torstraße. Auf dem Holzfußboden im St. Oberholz liegt Konfetti.