Die Flammen der Grabkerzen flackern morgens und abends hell, daneben stehen frische und bereits vertrocknete Blumen, es hängen Zettel mit liebevollen Erinnerungen an der Betonsäule, die die Autobahn darüber stützt: Das Gedenken an den Obdachlosen Gregor am S-Bahnhof Rathaus Steglitz lässt auch nach über zwei Monaten nicht nach. Erinnerung an ihn, der sich zu Lebzeiten stark gab und trotzdem am 2. Dezember den Kältetod starb.

Einige Jahre schon hatte er im Schlafsack immer direkt neben dem Zugang zur S-Bahn gelegen. Drumherum schnurgerade aufgereiht Bier- und Schnapsflaschen. Still lag er da, an kalten Wintertagen machte ich mir Sorgen, ob er noch lebt. Mehrmals tauschte ich mich mit ebenfalls innehaltenden Passanten aus, was zu tun sein, befragt wurde von uns der Back-Shop-Besitzer gegenüber. Einmal rief ich den Kältebus an, man versprach, vorbeizufahren, sagte aber, der Obdachlose verweigere stets Gespräch und Hilfestellung.

So wurde Gregor, das war sein Name, zum Bestandteil unserer alltäglichen Wahrnehmung. Bis das geschah, was wir lange befürchtet hatten: Gregor starb. 

Die Aufarbeitung des traurigen Endes beschäftigt seitdem viele. Ich höre mich um im Kiez, spreche mit einem Gemeinde-Pfarrer von der Schlossstraße. Etwa achtzig obdachlose Frauen und Männer sollen im Umkreis leben, seit rund fünf Jahren würden es immer mehr, höre ich. Meine Trauer versuche ich mit Was-nun-Fragen zu verarbeiten. Der Pfarrer rät mir, ich solle geben, was ich habe, Geld, Essen, Getränke, Decken, „da ist jemand in Not, diese Menschen sind seelisch krank, sie können nicht für sich sorgen". Deshalb sind wir es, die sie schützen müssen. Ohne die Chance darauf, das Elend komplett zu beseitigen. Klarheit schafft dieser Satz aus dem Johannesevangelium: „Die Armen habt ihr immer bei euch.“ 

Der Pfarrer legt mir seine Verfahrensweise als akute Nothilfe ans Herz: „Den völlig Verdreckten und Heruntergekommen gebe ich immer etwas, da kann man nicht vorbeigehen, auch wenn ich weiß, dass sie das Geld gleich in einen Flachmann umsetzen. Bei Gepflegten bin ich zurückhaltend.“ Manchmal komme einer wieder auf die Beine.