Nach dem Tod eines obdachlosen Mannes am Sonntagmorgen auf dem U-Bahnhof Moritzplatz fordert die Berliner Stadtmission einen neuen Kurs der Senatssozialverwaltung, wenn es um die Unterbringung von drogenabhängigen Obdachlosen im Winter geht. Sie sollen nicht mehr auf U-Bahnhöfen schlafen müssen. „Wir halten es für nötig, dass für die Zeitdauer der Kältehilfe eine fachgerechte Notübernachtung für obdachlose Menschen entsteht, in der Drogenkonsum erlaubt ist“, sagt die Sprecherin der Berliner Stadtmission, Ortrud Wohlwend, der Berliner Zeitung.

Für die Obdachlosen hat der Senat in dieser Saison zwei Kältebahnhöfe eingerichtet. Obdachlose können die kalten Winternächte auf dem U-Bahnhof Lichtenberg und an der U-Bahn-Station Moritzplatz in Kreuzberg verbringen. Sie müssen sich dort an keine Regeln halten, können Alkohol trinken und Drogen nehmen. Es ist die unterste Stufe der Kältehilfe, das niedrigschwelligste Angebot.

In Berlin gibt es bis zu 1200 Plätze in festen Einrichtungen der Kältehilfe. Diese Schlafplätze sind beheizt, in manchen Einrichtungen gibt es Abendbrot und Frühstück. Doch Drogen und Alkohol sind dort nicht erlaubt. Darum übernachten drogenabhängige Obdachlose lieber auf einem Kältebahnhof, meist auf kaltem Beton.

Elke Breitenbach (Linke): U-Bahnhöfe sind geeignet

Am vergangenen Sonntagmorgen ist am Moritzplatz ein Obdachloser gestorben. Polizisten entdeckten den leblosen Mann um 2.40 Uhr auf der Zwischenetage zum U-Bahnhof. Rettungskräfte stellten den Tod fest. Die Polizei schließt ein Gewaltverbrechen aus. Sie geht nicht davon aus, dass der Mann wegen der Kälte gestorben sei. Ein Todesermittlungsverfahren läuft.

Seit Sonntag stellt sich erneut die Frage, ob U-Bahnhöfe im Winter tatsächlich geeignete Orte für Obdachlose sind. Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) verteidigt diese Plätze. „Niemand will Menschen auf Bahnhöfen unterbringen. Aber für diejenigen, die nicht in der Kältehilfe ankommen, brauchen wir Orte, an denen sie sich ausruhen und aufwärmen können“, sagte Breitenbach der Berliner Zeitung. Es gebe Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen die Einrichtungen der Kältehilfe nicht aufsuchen. „Für sie brauchen wir die Kältebahnhöfe. Zum Konzept der Kältebahnhöfe gehört auch, dass an beiden U-Bahnhöfen beheizte Container zum Aufwärmen aufgestellt werden. Dort sollte warmer Tee verteilt werden. Das ist bisher nicht passiert.

Drogen und Alkohol sind erlaubt

Jede Nacht sind Sozialarbeiter auf den Kältebahnhöfen bei den Obdachlosen. In Lichtenberg kümmern sich Mitarbeiter von Karuna um sie, am Moritzplatz sind drei Sozialarbeiter der Berliner Stadtmission im Einsatz. Sie berichten, die meisten Obdachlosen dort seien drogenabhängig. Sie vermuten, dass auch der verstorbene Mann wegen der Drogen ums Leben kam. Sozialarbeiter sagen, die Menschen, die auf dem Bahnhof schlafen, seien schwer krank, sie würden schnell aggressiv. Ihr Zustand sei erbärmlich.

Jede Nacht fährt der Kältebus zu den U-Bahnhöfen. Die Sozialarbeiter bieten den Obdachlosen an, sie in beheizte Unterkünfte der Kältehilfe zu bringen. Doch kaum jemand steigt in den Bus. Die Obdachlosen wissen, dass sie in den Notunterkünften keinen Alkohol trinken und keine Drogen nehmen dürfen, so legen es die Hausregeln fest. Aber es müsse Ausnahmen in speziellen Einrichtungen geben, fordert die Berliner Stadtmission. Sprecherin Ortrud Wohlwend sagt, in den U-Bahnhöfen dürfen keine Elendscamps entstehen, in denen Menschen sterben.

Auf den Kältebahnhöfen beschweren sich Fahrgäste über Glasscherben, Abfall, Urinpfützen und Hundekot. Noch am Vormittag liegt der Abfall der Nacht auf dem U-Bahnhof Moritzplatz. Sigrid Nikutta, Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe, wollte die U-Bahnhöfe zunächst gar nicht öffnen, hatte dann aber nachgegeben. Sozialsenatorin Breitenbach sagte am Montag, es sei immer dramatisch, wenn jemand auf der Straße sterbe. „Wir werden die Kältehilfe aber nicht verändern.“