Markus Lange kennt das Problem seit seiner Schulzeit. „Schon damals wurden Kinder von Lastwagen tot gefahren“, erzählt er. Solche Nachrichten machten in seiner Klasse die Runde, und sie lösten Angst aus. Heute ist Lange selbst Kraftfahrer, und er weiß, wie stressig diese Arbeit sein kann. „Es gibt so viele Spiegel, in die man schauen, und Sensoren, die man beachten sollte“, sagt er.

Deshalb hat der Berliner, der das Entsorgungsunternehmen Bartscherer & Co. Recycling GmbH leitet, eine Entscheidung getroffen. Alle Lkw, die der Mittelständler künftig kauft, werden eine Technik haben, mit der sich die Gefahr einer Kollision mit Fußgängern oder Radfahrern stark verringern lässt – entweder einen Abbiegeassistenten oder ein Totwinkel-Kamera-System.

Erst ein Licht, dann ein Warnton

Auch ein Kraftfahrer geht einmal zu Fuß. „Kürzlich war ich in Alt-Moabit unterwegs“, erzählt Lange. „Der Bürgersteig war ziemlich breit. Aber wie viele Fußgänger dort unterwegs waren. Und erst wie viele Radfahrer auf dem Radweg nebenan!“ Berlin ist ein besonderes Pflaster, das hat ihm der Spaziergang durch Moabit mal wieder vor Augen geführt. Das merkt Lange auch jedes Mal, wenn er mit einem seiner schweren Lastwagen durch seine Heimatstadt fährt.

Eigentlich hat er als geschäftsführender Gesellschafter und Chef von rund 200 Beschäftigten genug anderes zu tun. Aber wenn es die Zeit zulässt, setzt sich Lange selbst ans Steuer. „Weil ich gern fahre“, sagt der 48-Jährige, der auch Kraftfahrzeugtechnik-Meister ist. „Und weil ich wissen will, was auf den Straßen los ist.“ Das ist los: Immer mehr Radfahrer, immer mehr Fußgänger kreuzen seinen Weg. „Die Augen der Fahrer und Beifahrer reichen da nicht aus“, sagt Lange. Es ist der Dichtestress in einer wachsenden Stadt, in der auch die Zahl der Kraftfahrzeuge steigt und die Konkurrenz um den Platz auf den Straßen immer härter wird.

Familienunternehmen Bartscherer & Co. Recycling GmbH in der Reinickendorfer Montanstraße

„Es gibt Ladezonen, aber sie sind oft zugeparkt. Kürzlich musste eines unserer Fahrzeuge vor Curry 36 am Mehringdamm notgedrungen auf der Straße halten – und fing sich gleich ein Knöllchen ein.“ So viel ist klar: „Als Berufskraftfahrer braucht man ein dickes Fell.“ Und Technik, die hilft, Kollisionen zu vermeiden.

Markus Lange steht auf dem Hof des Familienbetriebs in der Reinickendorfer Montanstraße. Dort türmen sich Blöcke aus gepresstem Altpapier, die an moderne Kunst erinnern. Gabelstapler flitzen hin und her. Dem 1921 gegründeten Unternehmen gehören seit kurzem fünf Pressfahrzeuge vom Typ Mercedes-Benz Econic, die über ein Totwinkel-Kamerasystem verfügen.

Dies ist eines von ihnen: Die Falttür schwingt auf, Lange erklimmt den Fahrersitz. Vor ihm leuchtet ein Sieben-Zoll-Display auf. So lange der Lkw steht, zeigt es auf vier Feldern die Bilder der vier Kameras, die ringsum alle Bereiche in den Blick nehmen. Ist der Lkw in Bewegung, erscheinen die Bilder, die gerade wichtig sind. Ist etwa der Blinker gesetzt und geht es ans Abbiegen, wird der entsprechende Bereich neben dem Laster gezeigt. Das Kamerasystem erleichtert die Übersicht enorm. Bei Gefahr bekommt der Fahrer eine Warnung.

Totwinkel-Kamerassistent kostet 2000 bis 3000 Euro

Drei Lastwagen vom Typ Mercedes-Benz Arocs, die ebenfalls kürzlich angeschafft wurden, haben kein Kamerasystem, aber ebenfalls Abbiegeassistenten. Zwei Radarsensoren überwachen ständig den Bereich rechts vom Fahrzeug. Bei Gefahr leuchtet ein gelbes Warnlicht auf. Steht eine Kollision unmittelbar bevor, sieht der Fahrer rot und hört ein lautes Piepsen. Auch diese Technik, so viel steht fest, trägt dazu bei, Zusammenstöße mit Radfahrern und Fußgängern zu verhindern.

Natürlich hat Sicherheit ihren Preis. Wer einen Lkw ab Werk mit Abbiegeassistenten haben möchte, muss mit 600 Euro Aufpreis rechnen. „Ein Totwinkel-Kamerasystem kostet 2000 bis 3000 Euro“, sagt Lange.
Wer sich diese Technik zulegen will, muss nicht nur mit zusätzlichen Ausgaben rechnen – sondern auch mit weniger Auswahl. Längst nicht jeder Lkw-Hersteller bietet die ganze Bandbreite an. „Aus meiner Sicht hat die Nutzfahrzeugindustrie ein Problem. Was solche Technik anbelangt, hinkt sie den Pkw-Herstellern Jahre hinterher – obwohl die Gefahren, die von Lkw ausgehen, größer sind.“

Mehr als 50 Prozent Euro 6

Das offizielle Argument sei, dass die Stückzahlen kleiner sind. Wenn eine bestimmte Technik Pflicht sei, werde sie auch eingebaut, entgegnet Lange. Über eine solche Pflicht wird nun diskutiert, nicht nur vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) und anderen Radaktivisten.
„Wir brauchen endlich verpflichtende Abbiegeassistenten für Lkw“, sagt Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). Allein in diesem Jahr sind in Berlin bisher fünf Radfahrer von rechts abbiegenden Lastwagen getötet worden. Pop hat die Landesunternehmen aufgefordert, schon vor der geforderten bundesgesetzlichen Regelung aktiv zu werden und Lkw mit Abbiegeassistenten auszustatten. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg möchte am 30. Juni 2019 keinen Lastwagen mehr besitzen, der nicht darüber verfügt.

Lange weiß, dass andere Speditionen die Kosten und den Aufwand scheuen. Ähnlich sei es auch beim Antrieb. Von den rund 60 Bartscherer-Fahrzeugen hat mehr als die Hälfte Euro 6, die absehbaren Dieselfahrverbote schrecken den Unternehmer und seinen Vater Joachim Lange nicht. „Wir sind nun ein technisch orientiertes Unternehmen“, sagt Markus Lange. Familiennachmittage sahen früher so aus, „dass mein Vater Gabelstapler reparierte und ich meinen Kassettenrekorder“.
Bald kommt wieder neue Technik ins Haus: Für tausend Euro lässt Lange einen Lkw mit einem Abbiegeassistenten nachrüsten. Falls sich das bewährt, werden weitere folgen.