Die Fahrt mit dem Bus der Linie 100 hat nichts an Reiz eingebüßt. Mein Ziel ist der Nollendorfplatz, ich werde einen weiteren Bus nehmen müssen, den 106er. Das Buch lasse ich in der Tasche, zu viel habe ich damit zu tun, die Stadt mit Blicken zu streicheln. Ihr das stumpf gewordene Haar zu zausen. Ihr zuzuflüstern: „Nichts geht verloren. Du bist trotzdem schön.“ Außer mir sitzt nur ein tuschelndes Paar in der oberen Etage. Die Plätze ganz vorne sind frei. Als die Kinder noch klein waren, sind wir mit ihnen vom Hermannplatz zum Kudamm gefahren, „ganz vorne oben!“, und haben ihnen das als Ausflug verkauft. Eigentlich keine Lüge und ein Eis gab es auch unterwegs.

Der Bus schaukelt unbeirrt von dem veränderten Bild vor den Scheiben seinen Weg. Das Leben hat sich weitgehend vom Bürgersteig auf die Straße verlagert. Dicht an dicht stehen die Autos an den Ampeln, während die Meisen auf dem Trottoir Paraden tanzen könnten. Ihr Publikum sind die Häuser, Schulter an Schulter stehen sie und kennen keine Abstandsregeln. Sie wirken völlig entspannt. Einige von ihnen haben Kriege überlebt, andere Seuchen, den Zusammenbruch ganzer politischer Systeme. Für sie ist diese Zeit nichts als eine weitere Episode. Wie klein mein Leben dagegen ist. Wie mager.

Andererseits: Ich trage ganze Koffer voller Erinnerungen mit mir herum. Einige hole ich jetzt heraus und setze sie wie Spielfiguren in die Umgebung. Andere haben feste Plätze, nach so vielen Jahren gleichen manche Kieze Rummelplätzen vergangener Momente. Sie ducken sich in Hauseingängen, springen um die Ecke, fallen von Straßenbäumen und lungern in Cafés herum. Sogar durch die Rollos kann ich sie sehen. Sie scheinen sich nicht zu langweilen.

Als der Bus eine Bäckerei passiert, fällt mir ein Frühstück vor wenigen Tagen ein. Eines, das fast nicht stattgefunden hätte. Zum ersten Mal seit Anfang Dezember mussten beide Kinder zur Schule. Ich stolperte durch die Küche wie ein Gast im eigenen Haus. Die jahrelange Routine war einfach fort. Die Brot-Box des kleinen Kindes lag fremd in der Hand wie Essstäbchen und die Auswahl an gesammelten Sandwichtüten für die Teenager-Brote überforderte mich. Als alles fertig war, ließ das kleine Kind mit einem Satz die Luft aus meiner Euphorie: „Es ist Donnerstag. Ich esse in meinem Zimmer.“ Tränen glitzerten in seinen Augen. Der erneute Strukturwandel überforderte es komplett. Mit dem Versprechen, es könne morgen am Schreibtisch frühstücken kehrte Frieden ein.

Spontaner Ausstieg am Wittenbergplatz. Vielleicht haben sie im KaDeWe das Buch vorrätig, das in der Stammbuchhandlung vergriffen war. Den Ausweis zu zeigen fühlt sich sonderbar an. Auch die erwartungsvollen Blicke der schicken Verkäuferinnen in der Kosmetikabteilung berühren mich mehr als ich dachte. Sie ist gespenstisch leer. Wer braucht schon Parfüm im Homeoffice? Wir lächeln uns mit den Augen zu wie Komplizinnen, trotzdem will ich nur zur den Büchern. Mal Rolltreppe fahren. Ein wenig die Atmosphäre trinken. Und auch den Geschäften immerzu zurufen: „Haltet durch!“

Nollendorfplatz. Die Imbisse öffnen ihre Fenster, Dönerspieße werden ausgewickelt, Salat getürmt, die allgemeine Geschäftigkeit steht in einem schrägen Kontrast zur Verlorenheit der wenigen Passanten. Der Senat sollte dazu aufrufen, dass alle Bürger ein paar Erinnerungen spenden. Sie pflanzen, auf das eine Zukunft voller Lebendigkeit daraus wachsen möge. Vielleicht muss man die Stadt gerade als Beet im Winter begreifen, als den längsten seit 1945.

Winterfeldplatz. Die „Begegnungszone“ zankt sich mit den Distanz-Markierungen. Wann diese Wörter selbstverständlich geworden sind, daran kann ich mich nicht erinnern. Den Frühstücksmoment stelle ich nach meiner Rückkehr in einer hoffnungsgrünen Vase auf den Wohnzimmertisch.