Die Fahrt mit dem Bus der Linie 100 hat nichts an Reiz eingebüßt. Mein Ziel ist der Nollendorfplatz, ich werde einen weiteren Bus nehmen müssen, den 106er. Das Buch lasse ich in der Tasche, zu viel habe ich damit zu tun, die Stadt mit Blicken zu streicheln. Ihr das stumpf gewordene Haar zu zausen. Ihr zuzuflüstern: „Nichts geht verloren. Du bist trotzdem schön.“ Außer mir sitzt nur ein tuschelndes Paar in der oberen Etage. Die Plätze ganz vorne sind frei. Als die Kinder noch klein waren, sind wir mit ihnen vom Hermannplatz zum Kudamm gefahren, „ganz vorne oben!“, und haben ihnen das als Ausflug verkauft. Eigentlich keine Lüge und ein Eis gab es auch unterwegs.

Der Bus schaukelt unbeirrt von dem veränderten Bild vor den Scheiben seinen Weg. Das Leben hat sich weitgehend vom Bürgersteig auf die Straße verlagert. Dicht an dicht stehen die Autos an den Ampeln, während die Meisen auf dem Trottoir Paraden tanzen könnten. Ihr Publikum sind die Häuser, Schulter an Schulter stehen sie und kennen keine Abstandsregeln. Sie wirken völlig entspannt. Einige von ihnen haben Kriege überlebt, andere Seuchen, den Zusammenbruch ganzer politischer Systeme. Für sie ist diese Zeit nichts als eine weitere Episode. Wie klein mein Leben dagegen ist. Wie mager.

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