Berlin - Minyi Chen arbeitet seit über zehn Jahren als Reiseführerin in Berlin. Im Sommer und Herbst führt sie an fünf Tagen die Woche Reisegruppen aus China, Hongkong und Taiwan durch die deutsche Hauptstadt und erklärt dabei die komplizierte Geschichte der Stadt. Die hat es den Touristen aus Hongkong besonders angetan, wie Celia Lee, die mit ihrer Mutter die fünftägige Europa-Tour Wien - Budapest - Prag - Berlin macht. "Meine Mutter wollte schon immer nach Berlin, sie interessiert sich sehr für die Berliner Geschichte." Sie selbst freut sich besonders auf den Besuch des Pergamon-Museums, der aber nur eine knappe Stunde dauert. Dann geht es weiter nach Potsdam, anschließend steht noch ein Einkaufsbummel im KaDeWe auf dem Programm. Die Tour entlang der Berliner Wahrzeichen - Brandenburger Tor, Reichstag, Alexanderplatz, Checkpoint Charlie - wurde schon absolviert.

Steigende Reiselust

Mit ihrem straffen Reiseplan halten es die zwölf Reisenden wie die meisten chinesischen Gruppen. "Der durchschnittliche chinesische Tourist verbringt zwei Nächte in Deutschland", erklärt Wolfgang Georg Arlt vom China Outbound Tourism Research Institute, das sich mit dem Reiseverhalten chinesischer Touristen beschäftigt. Seit etwa zehn Jahren bemerkt der Professor eine steigende Reiselust bei den Chinesen. Er erklärt sich das mit dem steigenden Wohlstand vieler Chinesen und der Aufwertung der chinesischen Währung gegenüber dem Euro. Zudem sei es seit 2003 einfacher geworden, ein Touristenvisum für Deutschland zu bekommen.

Von diesem Umstand profitiert auch Berlin: Knapp 34.000 Gäste aus China und Hongkong besuchten in der ersten Jahreshälfte die Stadt, wie das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg ermittelte. Das ist eine Steigerung um 28 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im August kamen sogar 37 Prozent mehr chinesische Gäste nach Berlin als im Vergleichsmonat 2010. Auch andere asiatische Länder wie Südkorea oder Taiwan sind ein Teil dieses Trends.

Eine der wichtigsten Stationen in Deutschland

Berlin, meint Arlt, sei trotz seiner ungünstigen geographischen Lage - die meisten Chinesen landeten mit dem Flugzeug in Frankfurt oder München - eine der wichtigsten Stationen in Deutschland. "Berlin ist die Hauptstadt und somit ein prestigeträchtiges Ziel, das jeder Chinese kennt, zumindest vom Namen her. Außerdem ist es die größte deutsche Stadt und hat die interessanteste Geschichte. Und es hat klare Wahrzeichen mit Wiedererkennungswert, wie das Brandenburger Tor." Die Bedeutung der Wahrzeichen und damit die Gelegenheiten zum Fotografieren dürfe man nicht unterschätzen. "Chinesen fahren nach Europa nicht in den Erholungsurlaub. Es geht ihnen um Bildung, Erlebnis, Prestige." Der Europa-Urlaub sei ein wichtiges Mittel, seinen sozialen Status zu zeigen.

Abgesehen davon lockt vor allem eines chinesische Touristen nach Europa: Shopping! "Deutschland hat in China einen guten Ruf, vor allem seine Markenprodukte", sagt Reiseleiterin Minyi Chen. Dazu gehören zum Beispiel hochwertige Kosmetikprodukte oder Haushaltswaren. So bleibt von den knapp zwei Tagen Berlin wenig mehr als viele Fotos und ein paar Luxusprodukte. Aber viele chinesische Touristen reisen noch ein zweites Mal nach Deutschland - und nehmen sich dann mehr Zeit.