Dass der Tourismusboom in Berlin zu Fußgängerstaus führen würde, hätte sich vor wenigen Jahren wohl niemand vorstellen können. Doch inzwischen lässt sich das Phänomen in vielen Nächten beobachten – der Fußweg auf der Warschauer Brücke reicht kaum noch aus für die vielsprachigen Menschenmassen, die sich zwischen Oberbaumbrücke, U- und S-Bahnhof, dem RAW-Gelände mit seinen Clubs und dem Ausgehviertel um den Boxhagener Platz bewegen.

Von einer Ameisenstraße sprechen sie im Bezirksamt. „Auf der Brücke wird es inzwischen eng“, sagt Sascha Langenbach, Sprecher des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Regelmäßig komme es zu gefährlichen Situationen oder sogar Unfällen, weil die Menschen einfach auf dem Radweg oder der Fahrbahn laufen.

Es ist also nicht erstaunlich, dass die Bewohner von Friedrichshain und Kreuzberg sich am stärksten vom Tourismus gestört fühlen. 30 beziehungsweise 29 Prozent der Bewohner der beiden Stadtteile empfinden die Besucherströme als Beeinträchtigung. Das geht aus einer bislang unveröffentlichten Studie hervor, die bereits im vorigen Jahr im Auftrag der Tourismusagentur Visit Berlin angefertigt wurde. Derzeit wiederholt Visit Berlin die Befragung, nach Auskunft von Geschäftsführer Burkhard Kieker deuten die ersten Ergebnisse auf einen ähnlichen Trend hin.

Kieker verweist zwar darauf, dass sich auch in den beiden Ausgehvierteln die Mehrheit der Bewohner über Berlins Popularität freut. In ganz Berlin sagen sogar 88 Prozent der Menschen, dass sie stolz darauf seien, dass Menschen aus aller Welt ihre Stadt besuchen. Doch es gebe Probleme, die gelöst werden müssen, sagt Kieker. Vor allem mit Lärm, Müll und anderen Verunreinigungen. „Berlin hat bislang kein Ballermannimage, und das darf sich auch nicht entwickeln“, sagte Kieker der Berliner Zeitung.

Bierbikes sind katastrophal fürs Image

Angebote wie die Bierbikes, die durch Mitte touren, seien eine Katastrophe für Berlins Image. Es sei aber wichtig, solche Fragen im Dialog zu klären. „Populismus schadet dem wichtigsten Wirtschaftsfaktor der Stadt“, sagte Kieker.

Seit vorigem Jahr ist bei Visit Berlin die sogenannte „Geschäftsstelle Akzeptanzerhaltung im Tourismus“ angesiedelt. Mit einem jährlichen Budget von 300.000 Euro soll sie Konzepte entwickeln, die den Berlin-Tourismus ein wenig verträglicher machen sollen.

An einem der Projekte beteiligt sich neben der Club Commission und der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga auch der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Pantomimen sollen Clubgänger und andere Feiernde zu mehr Rücksichtnahme animieren. Das Projekt hat immerhin ein Budget von mehr als 50.000 Euro.

Für Bezirkssprecher Sascha Langenbach sind freundliche Appelle wie diese der einzig gangbare Weg. „Berlin ist eine liberale Stadt und muss eine liberale Stadt bleiben.“ Verbote – etwa von Alkoholkonsum an bestimmten Plätzen – seien nicht nur imageschädigend und auch bei der hiesigen Bevölkerung unpopulär, sondern auch schwer durchzusetzen.

Im Bezirksamt denke man darüber nach, Flyer an Touristen zu verteilen und sie an einige Umgangsregeln zu erinnern. Amsterdam mache das ähnlich. „Wir wollen die Leute bewegen, darüber nachzudenken, ob sie bestimmte Dinge in ihren Heimatstädten auch tun würden“, sagte er.