Stechow - #image0

Es ist friedlich am großen See bei Ferchesar im Havelland. Die Sonne scheint, die Wellen schlagen gegen Boote, die am kleinen Steg vor Anker liegen. Sie heißen Nemo, Gela, Angy und Trotzkopf. Es sind Hausboote, kleine Ruderboote und Segler. Das Boot von Benjamin Barth ist das größte von allen: zwölf Meter lang, drei Meter breit und zehn Tonnen schwer.

Doch nicht deshalb schauen die Leute dem Boot von Barth immer hinterher: Der 33-jährige hat ein Kriegsschiff nachgebaut, und zwar nicht irgend eines: Sein Boot trägt den Namen U 96. Es ist ein Nachbau des deutschen U-Bootes aus dem Zweiten Weltkrieg, das durch den Film „Das Boot“ weltbekannt wurde. Der Kriegsfilm war 1983 sogar für sechs Oscars nominiert.

Benjamin Barth hat sich mit dem Nachbau des Bootes einen Traum erfüllt – und seither hat er ein großes Problem: Denn eigentlich wollte er mit seinem Boot in Berlin Touristen durch das Regierungsviertel fahren. Doch das wurde ihm nicht erlaubt: Das Schiff, so die Kritik unter anderem von den Linken, sei ein „Symbol der Massenmordflottille“.

Zwei Urlauber paddeln über den Ferchesaer See. Als sie von Weitem das U-Boot sehen, paddeln sie extra ein Stückchen näher heran. Dann heben sie anerkennend die Daumen. „Das sieht wirklich toll aus“, ruft einer der Paddler. Benjamin Barth nickt zufrieden. „Das ist die typische Reaktion: Vom Publikum haben wir bislang 100 Prozent positive Reaktionen bekommen. Protestiert haben bislang nur Politiker.“

Nicht mit Ärger gerechnet

Für Barth war die Sache als Geschäftsmodell gedacht, als „Gag für Touristen“, wie er es nennt. „Wir hatten zuerst die Idee, die Touristen mit einem Boot über die Spree zu schippern“, sagt der gebürtige Berliner. „Dann überlegten wir in der Kneipe, wie wir auffallen können. Irgendjemand brachte das berühmte U-Boot ins Spiel.“ Barth ließ das Boot in Cuxhaven und Kiel bauen. Der Materialwert, sagt er, würde sich heute auf 250 000 Euro belaufen. „Von den Bootsbauern hatte niemand Bedenken“, erzählt der gelernte Bürokaufmann aus Spandau, der seit vielen Jahren im Havelland einen Bootsservice betreibt.

#image1

Dass es Ärger geben könnte, wenn ein nachgebautes deutsches Kriegsschiff aus dem Zweiten Weltkrieg mit Touristen durchs Regierungsviertel fährt – auf die Idee kam Barth nicht. „Wir sind weder rechts noch links. Das Boot soll auf keinen Fall provozieren“, beteuert Barth. Sonst hätte er nie so viel Geld investiert. „Wir sind doch nicht verrückt und machen Werbung für den Krieg.“

Er verweist auf den hochgelobten Film „Das Boot“. „Der ist doch keine Kriegsverherrlichung, sondern zeigt, dass die Soldaten arme Schweine waren.“ 1991 habe es einen Nr.1-Hit mit dem Titel „Das Boot“ gegeben vom DJ-Projekt U 96. „Keiner hat sich darüber aufgeregt“, sagt er. „Aber bei uns.“

Als das Boot vor zwei Jahren fertig war, wurde eine Tochterfirma der Messe Berlin darauf aufmerksam. Sie wollte das Boot auf einen Laster stellen und als Werbung für eine Bootsmesse durch Berlin rollen lassen. Damit war der Skandal da. Von einem „politischen Bubenstück“ sprachen die Berliner Linken, die Grünen erklärten, „eine friedliche und weltoffene Stadt braucht keine Kriegsgeräteschau.“

Es wäre geschmacklos, wenn der Lkw mit dem Boot durchs Brandenburger Tor rollt – wegen der Nachbarschaft zur britischen und zur US-Botschaft, und weil das Holocaust-Mahnmal in der Nähe ist, hieß es. „Ich hab mir die Werbetour nicht ausgedacht, hatte aber den Ärger“, sagt Barth heute.

Bislang keine Beschwerden

Die öffentliche Kritik an Barths Boot blieb nicht ohne Folgen: Barth erzählt, dass er für die Zulassung in Berlin so harte Auflagen hätte erfüllen müssen wie für ein großes Passagierschiff. „Ich sage nur behindertengerechte Toilette.“
Vielleicht war es auch einfach naiv, ein Eisernes Kreuz am Turm des Bootes anzubringen. Aber er sagt, dass sei doch auch das Symbol der Bundeswehr.

Wer durch Brandenburg fährt, sieht solche Kreuze in fast jedem Dorf auf dem Kriegerdenkmal. Barth gibt zu, dass er weniger Ärger bekommen hätte, wenn er einen Mississippi-Dampfer nachgebaut hätte oder ein gelbes U-Boot in Anlehnung an „Yellow Submarin“ von den Beatles. „Aber wir hatten nun mal eine andere Idee.“ Und die habe er nicht aufgeben wollen.

Vor einigen Tagen hat Barth das Boot ins Havelland gebracht und ist dort vor Anker gegangen. Winfried Rall, ein Geschäftsmann, will das Boot künftig vermieten – Kosten pro Tag etwa 500 Euro. „Ist doch ein richtig guter Werbeträger“, sagt der 59-Jährige, der seit 22 Jahren die Flugschule Stechow-Ferchesar betreibt. Er hat zwölf Flugzeuge und auch einen Nachbau des Gleiters des Flugpioniers Otto Lilienthal. Und nun hat er auch noch ein U-Boot. Das kann zwar nicht tauchen, aber es können zwei Tanks geflutet werden, so dass es sinkt und nur der Turm aus dem Wasser schaut.

Im Havelland gab es bislang keine Beschwerden. „Alle, die das Schiff sehen, sind begeistert“, sagt Rall. Die nächste Testfahrt führt U 96 am Wochenende nach Havelberg (Sachsen-Anhalt). Dort ist der berühmte Pferdemarkt mit alljährlich mehr als 200.000 Besuchern.