Berlin - Die Engel fahren Kettenkarussell. Eine verborgene Mechanik versetzt sieben kleinen Holzfiguren in zuckende Bewegung, so dass es aussieht, als alberten sie ausgelassen herum. Aber so ist es nicht. Im Stall unter ihnen wird nämlich gerade Jesus geboren, der Sohn von Maria und Josef, den die Christen als Heiland verehren. Ein frommer Christ war Max Vogel. Ihm war es ernst, als er vor rund hundert Jahren die Engel schnitzte und als er die 28 Szenen aus dem Neuen Testament gestaltete. Der mechanische orientalische Weihnachtsberg aus dem Erzgebirge, das wundervolle Panorama eines Malermeisters aus Niederwürschnitz bei Chemnitz, ist das ganze Jahr über im Museum für Europäische Kulturen in Dahlem zu bestaunen. Aber vor Weihnachten scheint von ihm noch einmal eine ganz besondere Faszination auszugehen.

Selbst im Erzgebirge finden heute allenfalls kleine Krippen und Pyramiden noch Platz neben dem Tannenbaum. Dabei ist die Tradition des Weihnachtsgartens oder des Weihnachtsberges in der Region älter als die des Baumes. „Wenn Max Vogel sein Diorama in der Adventszeit in einem Raum neben der Küche aufgebaut hatte, dann kam das ganze Dorf zu Besuch“, weiß Kuratorin Tina Peschel. In den dunklen Wintermonaten, vor allem um die Weihnachtszeit herum, geht man „hutzen“, sagen sie im Erzgebirge und im benachbarten Vogtland – aber sie tun es immer weniger.

Am Anfang stand das Bergwerk

Max Vogel hatte in den 20er- und 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts den größten Weihnachtsberg weit und breit. Drei Mal drei Meter maß die „Hutzenstubn“, der Raum, an dessen Wänden entlang das ursprünglich 80 Zentimeter tiefe Panorama aufgestellt war. Es heißt Berg, obwohl es aussieht wie eine Modelleisenbahnanlage ohne Züge. Der Grund liegt im Ursprung dieser Bastelei: Anfangs bauten die Erzgebirgler mit Holz und Pappe die Bergwerke ihre Region nach.

Bei Vogel gab es nicht nur die Krippe zu bestaunen und die Pyramide. Die hatte jedermann zu Hause. Das Panorama des Malermeisters aber erzählte die gesamte Lebensgeschichte Jesu – von Maria Verkündigung bis zur Auferstehung. Ein jedes Kind konnte damals die einzelnen Bilder „lesen“.

Einzigartig ist die Zahl der beweglichen Teile: Nicht nur die Pyramiden, auch die Hälfte der knapp 300 Figuren stehen nicht still. Vor dem Tempel von Jerusalem beispielsweise flanieren Dutzende Menschen. Überhaupt: dieser Tempel. Er ist das Kernstück des Panoramas. Auf dem zweistöckigen Bauwerk mit seinen reich verzierten Säulchen sind neben Engeln die zwölf Apostel mit ihren Attributen dargestellt. Es gibt nicht nur einen, sondern drei Türme, deren Figuren im Innern sich gegenläufig bewegen. Der mittlere Turm hat ein Flügelrad, doch das wird nicht von Kerzen angetrieben. Das wäre dann doch zu gefährlich. Mechanischer Antrieb ist sicherer.

Viel Arbeit für den Restaurator

„Damals wie heute stehen die Kinder mit staunenden Augen davor und die erwachsenen Bastler fragen sich, wie Vogel es wohl gemacht hat“, sagt die Museumsexpertin. Vor allem mit Geduld hat er es gemacht. Der Malermeister baute wohl ab 1885 an seinem Berg und fügte jedes Jahr etwas neues hinzu. Die verborgene Mechanik mit all ihren Wellen, Hartholzrädern, Hebeln, Lederschnüren, Gummis und Drähten ist vollständig Vogels Eigenkonstruktion – und die hat es in sich. „Unser Restaurator hat gut zu tun, den Berg in Bewegung zu halten“, sagt sie und man glaubt es sofort. Aber wenigstens auf- und abbauen muss er das Panorama nicht.

Für die Häuser gab es keine Fertigteile, nicht einmal Bauanleitungen. Sie sind Unikate, auch wenn nicht alle Vogels Fantasie entsprungen sind. Gewiss, die Erzgebirgler waren fromm, sie hatten ihre Bibel nicht nur einmal gelesen. Aber doch hatten sie nie Bethlehem oder Jerusalem gesehen. Vogel hat seine Szenen nach einem Kinderbuch gestaltet, nach der Bibel in Bildern eines gewissen Julius Schnorr von Carolsfeld, die 1860 zum ersten Mal erschienen war. Der Besucher steht vor dem Weihnachtsberg bewundert. Er bewundert nicht nur handwerkliche Meisterschaft und Fantasie. Beeindruckend ist nicht weniger, mit welcher Selbstverständlichkeit die einfachen Menschen des Erzgebirges sich die merkwürdigen Geschichten eines fremden, orientalischen Hirtenvolkes anverwandelt und zu deutscher Volkskunst gemacht haben.

Der mechanische Weihnachtsberg aus dem Erzgebirge kann im Museum Europäischer Kulturen besichtigt werden. Lansstraße 8/ Arnimallee 25 in Dahlem. Di-Frei 10 bis 17 Uhr, Sa/So 11 bis 18 Uhr, Montag geschlossen.