Berlin - Kenan Kolat fährt ein altes weißes Damenfahrrad. Es quietscht beim Treten und der hintere Reifen hat viel zu wenig Luft. Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD) hat kein eigenes Rad, er musste eines ausleihen. Für die 36. Berliner Fahrradsternfahrt am Sonntag, die weltweit größte Fahrraddemonstration.

Zum zweiten Mal ist der TGD zusammen mit dem Türkischen Bund Berlin-Brandenburg (TBB) dabei. Ihr Ziel: die Deutsch-Türken in der Hauptstadt für das Fahrrad zu begeistern. Und das ist gar nicht so einfach, wie sich am Bahnhof Zoo herausstellt. Fuat Sengül, Sprecher des TGD, hat bewusst einen zentralen Treffpunkt und eine denkbar kurze Route bis zum Ziel – der Siegessäule – gewählt. Es sind nicht einmal drei Kilometer. „Um auch die mitzunehmen, die nicht so viel schaffen“, sagt er.

Doch es kommen gerade einmal zehn Teilnehmer. Nicht viel angesichts der insgesamt rund 150.000 Radler, die bei der Sternfahrt mitmachen und zum Teil aus dem Brandenburger Umland kommen. „Wissen sie, Türken und Fahrrad – das ist so eine Sache“, sagt Ferda Sönmez, Betriebsrat bei Daimler in Marienfelde, und pumpt nocht schnell seine Reifen auf, denen es auch an Druck fehlt.

Der 51-Jährige nimmt zum ersten Mal an der Sternfahrt teil. Erst vor kurzem hat er sich von einem Freund ein gebrauchtes Trekkingrad für 150 Euro gekauft. Vor zehn Jahren sei er eine Weile regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit gefahren, sagt Sönmez. „Da bin ich von anderen Türken schief angeschaut worden.“

Fuat Sengül versucht das zu erklären: „Das Fahrrad ist in der Türkei kulturell nicht verwurzelt.“ Stattdessen hielten sich die Vorurteile gegenüber dem Velo. „Das Rad wird belächelt, es ist etwas für Kinder“, sagt er. Dafür sei das Auto als Statussymbol umso wichtiger.

Die Polizei hat die Hardenbergstraße abgesperrt. Vom Kudamm aus kommt der Tross mit vielen hundert Radfahrern. Sie sind zum Teil über die gesperrte Avus gefahren. Kolat, Sengül und die anderen reihen sich ein. Es geht über den Ernst-Reuter-Platz auf die Straße des 17. Juni.

Hier sind es schon Tausende Radfahrer, die auf den großen Stern zufahren. Kenan Kolat tritt ordentlich in die Pedale. Er ist begeistert angesichts der geballten Radler-Macht. „So etwas brauchen wir auch“, sagt er. Neben ihm fahren Rennradfahrer, Lastenräder und Rocker auf Harley-ähnlichen Tretmobilen. Sie haben dicke Reifen und Motorradlenker – Hells Angels auf dem Velo.

Die Fahrt ist ruhig, nur das Rauschen der vielen Reifen ist zu hören – und Kenan Kolats quietschendes Damenrad. „Ich weiß, dass ich zu wenig Rad fahre, aber mein Alltag erlaubt es nicht“, sagt er. „Ich möchte wenigstens an meine Mitbürger appellieren.“

Anfang des Jahres hat die Türkische Gemeinde mit Unterstützung des BUND und des Bundesverkehrsministeriums die Infokampagne „Fahr Rad“ gestartet, speziell auf die eigene Zielgruppe ausgerichtet. „Wir machen Schulungen, bilden Fahrrad-Botschafter aus und gehen gezielt in Verbände und Kindergärten“, sagt Fuat Sengül.

Der TGD-Sprecher weiß, dass es noch sehr viel zu tun gibt. Aber einen hat er mit der Kampagne schon erreicht: Ferda Sönmez will jetzt einen Neuanfang machen und wieder mit dem Rad zur Arbeit fahren. Er ist umgezogen, es sind nur noch elf statt 18 Kilometer. Ein Fahrrad hat er schon. Warum ist er damals überhaupt wieder auf’s Auto umgestiegen? „Die Fahrradkette war kaputt“, sagt Sönmez. „Lächerlich eigentlich.“